Familienhorror Corona oder: Der Moment, als ich wusste, dass ich mich selbstständig machen will

Familienhorror Corona? So betitelt Heiko Metz seine Blogparade und fragt nach den persönlichen Learnings aus der Pandemie. Beim Lesen des Titels habe ich sofort Erinnerungen an diese Zeit – ziemlich unangenehme Erinnerungen an große Erschöpfung und frustrierte Kinder, die mich nicht nur als Mama, sondern auch als Lehrerin und Spielfreundin brauchten. Gleichzeitig hat sich in dieser Zeit auch mein Weg in die Selbstständigkeit entwickelt und ich bin persönlich gewachsen. Also nicht nur Familienhorror? Nein, nicht nur. Tatsächlich war die Coronazeit ein Wendepunkt in meinem Leben.

Inhalt

Vor Corona

Als Familie hatten wir unruhige Jahre hinter uns: Drei Mal waren wir wegen der Arbeit meines Mannes zwischen Göttingen, Hessen, Baden-Württemberg und Hannover umgezogen. Mittlerweile waren wir in einem Dorf in Niedersachsen neu angekommen. Ich arbeitete in einer Praxis in der nächsten Kleinstadt als angestellte Logopädin. 

Dann erwarteten wir unser drittes Kind und ich ging mit der Vorstellung in den Mutterschutz, nach ca. 1 ½ Jahren wieder in der Praxis weiterzuarbeiten. Aber mitten im Mutterschutz starb meine Chefin. Ein großer Schock. Direkt danach wurde unser Sohn geboren. Während ich stillte, wickelte, mit ihm spazieren ging und mit den großen Geschwistern spielte, ploppte immer wieder ein Gedanke hoch: Du könntest deinen Traum erfüllen. Du könntest die Gelegenheit nutzen und ein Buch schreiben… Wirklich? Jetzt?

Mit knapp 2 Jahren bekam ich für den Kleinen einen Krippenplatz. Aber statt direkt in einer neuen Praxis zu beginnen, fasste ich den Entschluss: Ja, ich mach’s! Ich schreib mein Buch! Mein Lieblingsbereich in der Logopädie waren immer die ganz kleinen Patienten gewesen: Late Talker, Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen und Stottern. Für Eltern hatte ich kleine Broschüren und Informationen geschrieben, weil mir Ratgeber fehlten, in denen genau die Informationen stehen, die Eltern brauchen und die verständlich und wertschätzend formuliert sind. Einen eigenen Elternratgeber schreiben – das wollte ich! 

Wenige Wochen später kam Corona.

Lockdown 2020

Plötzlich waren alle drei Kinder zu Hause. Erst mit Begeisterung, aber zunehmend auch verwirrt. Homeschooling, ein Mann mit vielen Überstunden im Homeoffice, ein Dackel, ein wilder Zweijähriger – das alles auf 100 qm. Mein Buch hatte ich an unserem Küchentisch schreiben wollen (und hatte mir ausgemalt, wie ich in den ruhigen Vormittagsstunden entspannt am Laptop tippen würde, ein Tee daneben…). Jetzt fand alles an diesem Küchentisch statt, nur nicht mein Buch.
Ich wollte aber meinen Plan nicht loslassen. Das muss doch trotzdem funktionieren! 

So begann ich, jeden Morgen um 5 Uhr aufzustehen, um vor dem Homeschooling-Tag schreiben zu können. Ein paar Seiten schaffte ich auf diese Weise pro Woche. Aber es schaffte auch mich: Irgendwann merkte ich, dass ich mich kaum noch konzentrieren konnte. Ich wurde immer ungeduldiger mit unseren Kindern, fühlte mich erschöpft und gleichzeitig nervös, sehnte mich nach Ruhe und Alleinsein.

Berichte von Menschen, die erzählten, dass sie sich im Lockdown langweilten, machten mich wütend… Gleichzeitig dachte ich: „Andere haben es gerade viel Schlimmer! Uns geht es doch gut, wir haben sogar einen kleinen Garten. Und du musst ja kein Buch schreiben. Lass es doch einfach!“ Ja, schließlich blieb das angefangene Buch in der digitalen Schublade. Es fühlte sich wie Aufgeben an und mir ging es gar nicht gut damit, meinen Plan „nicht zu schaffen“. Inzwischen weiß ich, dass damals mein innerer Glaubenssatz „Ich muss immer alles schaffen!“ besonders aktiv war.

Wie bei vielen Familien entspannte sich über den Sommer und Herbst 2020 unsere Familiensituation: Im Juni startete die Schule wieder (zumindest im Wechselmodell) und auch unser Jüngster konnte ab dem Herbst in die Krippe gehen. Dann kam wenige Wochen später der zweite Lockdown. Und wieder startete Homeschooling, Home-Kita, Homeoffice…

Ich will etwas ändern!

Dass sich unsere Familienlage im Sommer entspannt hatte, lag nicht nur am Sonnenschein und an niedrigen Coronazahlen: Ich hatte seit Juni bei dem Onlinekurs „Intueat“ mitgemacht – eigentlich, um mit intuitiver Ernährung meine Coronapfunde wieder loszuwerden. Der Kurs umfasste aber viel mehr: Ich richtete zum ersten Mal seit vielen Jahren (ich glaube, seit ich Mutter geworden war), den Blick auf mich selbst: Was tut mir gut? Wie will ich leben? Wie kann ich mich selbst lieben lernen? Dieser Kurs kam bei mir mitten in meine große Familienhorror-Corona-Erschöpfung hinein und damit genau zum richtigen Zeitpunkt.

Denn jetzt, im zweiten Lockdown, konnte ich durch diesen neuen Blickwinkel ganz anders mit unserer Familiensituation umgehen: Ich hielt nicht mehr krampfhaft an meinen Plänen fest, sondern überlegte, wie ich mich selbstwirksam fühle, mich gleichzeitig um die Familie kümmern kann und nicht wieder in so eine große Erschöpfung rutsche. In mir reifte die Idee, statt eines Buches eine Website für Eltern zu entwickeln, auf der sie sich über logopädische Themen informieren können.

Mein Beginn als Bloggerin

In den nächsten Monaten arbeitete ich mich in neue Themen wie Webdesign und Suchmaschinenoptimierung ein und begann, erste Blogartikel zu schreiben. Das machte mir großen Spaß! Außerdem waren Blogartikel kleine, machbare Texthäppchen für mich und damit in meinen kleinen Zeitfenstern viel realistischer umsetzbar als das Schreiben eines umfangreichen Ratgebers (und vielleicht auch realistischer für Eltern, abends per Handy gezielt einen Blogartikel zu lesen statt ein Buch).

Um mehr über das Bloggen zu lernen, machte ich im Sommer 2021 bei Judith Peters Onlinekurs für Blogstarter mit und lernte dabei tolle Frauen kennen, die mit ihren Themen online selbstständig waren. Ich war begeistert! Vielleicht kann ich mit meinem Blog nicht nur informieren, sondern mich sogar online selbstständig machen? Schon länger hörte ich Potcasts von Menschen, die sich beruflich neu orientiert hatten. Ich begann ein Coaching bei Judith Oesterle und räumte mit ihrer Hilfe weitere innere Hürden auf. Mir wurde immer klarer, was ich will. Aber es dauerte noch eine ganze Weile, bis ich mich mutig genug fühlte, einen echten Entschluss zu fassen: Ja, ich mache mich selbstständig!

Was die Coronazeit mich gelehrt hat

In der Rückschau bin ich froh, dass dieser Tiefpunkt aus Erschöpfung und Wut mich gezwungen hat, an neue Möglichkeiten zu denken. Ich glaube, dass erst diese Extremsituation im ersten Lockdown 2020 mir den Anstoß gegeben hat, mir Hilfe für meinen beruflichen und persönlichen Weg zu suchen.

Aus Sicht der Kinder kann ich dagegen wenig Lehrendes erkennen. Für sie war diese Zeit einfach schwer: Wann sehen wir die Großfamilie wieder? Wieviel Abstand muss ich zu Oma und Opa halten? Ist es okay, wenn ich mich draußen mit einem Freund treffe? Ist es gefährlich, wenn ich den Abstand nicht einhalte? Warum fällt unsere Klassenfahrt aus? Diese Gedanken und Fragen haben einen wichtigen Teil ihrer Kindheit geprägt und ihnen viele Gemeinschaftserlebnisse genommen. 

Familien mussten die Sorgen der Kinder auffangen und Vieles mittragen. Ich merke jetzt im Oktober 2022 immer noch (oder sogar noch mehr) ein Gefühl der Erschöpfung und der Resignation bei vielen Eltern. Die Pandemie war für viele Familien wirklich „Horror“ – ohne positive Wendung. Und es bleibt schwer für Familien. Für die Kinder da zu sein und auf sich selbst zu achten ist für Viele kaum möglich. Eltern brauchen viel mehr Unterstützung (finanziell und strukturell), um in diesen Zeiten zugewandte Eltern sein zu können.

8 Kommentare zu „Familienhorror Corona“

  1. Hallo Wiebke, ein toller Artikel, den Du da verfasst hast und es ist so schön zu sehen, wie aus einer „vermeintlichen Krise“ so etwas Tolles, wie jetzt entstehen kann.
    Liebe Grüße
    Jenny

    1. Vielen Dank, Jenny! Ich bin auch froh, dass ich durch die Krise etwas verändern „musste“ und jetzt sehr glücklich mit meiner Arbeit bin. Liebe Grüße von Wiebke

  2. Liebe Wiebke,
    wow, sooo gut geschrieben, da fühle ich gleich mit, wae bei mir im Frühjahr so ähnlich – am Ende wächst man an diesen Situationen ✨💛
    Alles liebe,
    Andrea

    1. Liebe Andrea,
      das stimmt, in solchen Situationen stecken viele Möglichkeiten. Auch wenn man sie oft nicht sieht, während man drinsteckt. Aber in der Rückschau fällt mir oft auf, dass es immer wieder offene Türen gibt. Ich sende dir liebe Grüße und alles Gute! Wiebke

  3. Hallo Wiebke,
    vielen Dank für den Einblick in „Eure Coronazeit“.
    Wie cool, dass der Horror, den ihr erlebt habt, für Dich zu einem positiven Veränderungsmoment geworden ist. Das würd eich mir für viel mehr Menschen und Familien wünschen.
    Dass die Belastungen für Familien und besonders Kinder bleiben, ist so wahr wie traurig … da ist noch viel zu tun. Politisch, gesellschaftlich etc.

    Ich bin auf die verschiedenen Perspektiven zum Thema bei #familienhorrorcorna echt gespannt.
    https://www.heikometz.de/familienhorror-corona/

    Viele Grüße
    Heiko

    1. Lieber Heiko, ich bin froh, dass ich dank deiner Blogparade die Pandemiezeit nochmal für mich reflektieren konnte. Vielen Dank!
      Auf die die anderen Blogartikel zum gleichen Thema bin ich ebenfalls gespannt. Viele Grüße, Wiebke

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Ich bin Wiebke Schomaker. Als Logopädin und Expertin für Sprachförderung habe ich den Elternblog "Starke Sprache" gegründet. Bei mir erfährst du, wie du dein Kind in seiner Sprachentwicklung begleiten und spielerisch unterstützen kannst.
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