"Stottern bei jüngeren Kindern soll man ignorieren!"
Stimmt das?

Soll man Stottern bei Kindern ignorieren?

Ist es besser, Stottersymptome bei Kindern zu ignorieren?

Eltern von Kindern, die stottern, hören viele Ratschläge. Vor allem bei jüngeren Kindern, die noch nicht lange stottern, ist der mit Abstand häufigste Tipp von Bekannten und Verwandten:

„Tu so, als würdest du das Stottern nicht bemerken. Sonst verschlimmert es sich!“

Stimmt das? Ist es besser, das Stottern zumindest bei jüngeren Kindern völlig zu ignorieren? Und verschlimmert sich das Stottern bei zu viel Aufmerksamkeit wirklich?

Hinter diesem Ratschlag stecken zwei Annahmen:

1. Annahme: Jüngere Kinder im Kleinkind- und Vorschulalter würden noch nicht merken, dass sie stottern.

2. Annahme: Stottern würde dadurch entstehen, weil die Eltern normale Unflüssigkeiten (z. B. weil dem Kind ein Wort nicht einfällt) zu sehr beachten. Diese Aufmerksamkeit würde das Kind bestärken, öfter unflüssig zu sprechen und so schließlich das Stottern verursachen.

Stimmt das? Tatsächlich sind beide Annahmen falsch.

Auch jüngere Kinder bemerken ihr eigenes Stottern

In Studien konnte gezeigt werden, dass Kinder jeden Alters bemerken, wenn sie stottern (1). Ein Störungsbewusstsein fürs Stottern kann also nicht verhindert werden, indem das Kind einfach nicht aufs Stottern angesprochen wird. Denn ein Bewusstsein für „irgendwie stocke ich manchmal beim Sprechen“ ist schon bei zweijährigen Kindern vorhanden.

Oft denken Eltern, dass ihr Kind sein Stottern nicht bemerkt, weil es nichts dazu sagt. Vielen stotternden Kleinkindern fehlen aber einfach die Worte für das, was mit ihnen passiert. Oder sie akzeptieren ihre Situation als „normal“, und denken: „Das ist bei mir anscheinend so“. Ältere Kinder sprechen oft nicht über ihr Stottern, weil sie die Verlegenheit ihrer Eltern spüren und selbst Scham empfinden.


(1) Natke 2005: Stottern – Erkenntnisse, Theorien, Behandlungsmethoden

Stottern gehört nicht zur normalen Sprachentwicklung

Alle Menschen sprechen hin und wieder unflüssig – vielleicht, weil uns ein Wort nicht einfällt, weil wir nicht unterbrochen werden wollen und deshalb Füllwörter wie „äähm“ benutzen. Das sind normale Unflüssigkeiten beim Sprechen, die uns im Alltag kaum auffallen.

Auch Kinder in der Sprachentwicklung sprechen oft unflüssig. Sie wiederholen dann ganze Wörter oder Satzteile: „Ja, das da vorne ist ein Meer-Meer-Meerschweinchen. Der heißt ääh der heißt der heißt Rudi.“ Diese Wiederholungen sind locker und völlig ohne Sprechanstrengung. 

Stottern ist anders. 

Beim Stottern erlebt das Kind einen Kontrollverlust. Es weiß, was es sagen will. Aber dieses Wort kommt einfach nicht raus. Oder es kommt nur hüpfend raus, ohne dass das Kind diese Blockierungen, Wiederholungen und Dehnungen steuern kann.

Stottern entsteht nicht aus unflüssigem Sprechen. Deshalb können Eltern auch nicht das Stottern ihres Kindes „verursachen“, indem sie unflüssiges Sprechen zu viel beachten würden.

Hier erhältst du weitere Informationen, wie du Stottern und normale Sprechunflüssigkeiten unterscheiden kannst.

Soll ich das Stottern meines Kindes ignorieren?
Auch jüngere Kinder bemerken es, wenn sie stottern.

Darum solltest du das Stottern deines Kindes nicht ignorieren:

Grund 1: Stottern wird zum Tabuthema

Wie oben beschrieben bemerkt auch schon ein jüngeres Kind, wenn es immer wieder stottert. Und es bemerkt noch mehr: Gleichzeitig fühlt es die unangenehmen Gefühle, die das Stottern in ihm selbst und bei seinen Eltern auslöst. 

Was passiert nun, wenn Eltern das Stottern des Kindes immer ignorieren (in der Annahme, ihrem Kind damit etwas Gutes zu tun)? Das Kind schlussfolgert: „Stottern muss etwas Schreckliches sein, über das man nicht reden darf!“ 

Das Stottern entwickelt sich dadurch zu einem unheimlichen Monster für ein Kind, das immer wieder auftaucht, aber über das keiner spricht. Die unangenehmen Gefühle bleiben. Und werden stärker.

Grund 2: Dein Kind beginnt zu glauben: „Mit mir ist was falsch.“

Wenn über das Stottern nie gesprochen wird, beginnt ein Kind irgendwann, sich eigene Theorien darüber zu bilden, warum es immer wieder stottert

Kinder denken dann zum Beispiel:

  • „Irgendwas stimmt mit mir nicht.“
  • „Ich bin Schuld, dass ich nicht richtig sprechen kann.“
  • „Ich muss mich mehr anstrengen.“

Die Folge: Das Kind strengt sich bei jedem Auftauchen von Stottersymptomen an, um das Stottern „wegzudrücken“. Es kämpft gegen das Stottern und gegen die unangenehmen Gefühle an. Aber mehr Druck und mehr Muskelspannung verlängert die Blockierungen. Die Stottersymptome verschlimmern sich.

Hinzu kommen Begleitsymtome: Weil das Stottern „doch irgendwie weggehen soll“, beginnen Kinder, beim Stottern aufzustampfen, den Kopf zu drehen, die Augen zuzukneifen oder entwickeln andere „Tricks“ gegen das Stottern.

So kann sich das Stottern mit der Zeit zu einem täglichen Kampf für das Kind entwickeln – ein innerer Kampf, über dass das Kind nicht mit seinen Eltern sprechen kann, denn es weiß: Übers Stottern wird nicht gesprochen!

Grund 3: Dein Kind kann sich bei Hänseleien nicht gut wehren

Ein Kind, das mit niemandem über das Stottern redet, hat auch keine Worte für sein Stottern. Wenn es wegen des Stotterns von anderen Kindern gehänselt wird, hat es deshalb kaum eine Chance, sich mit Worten zu wehren. 

Ein Kind jedoch, das klar sagen kann: „Ja, ich stottere halt. Na und? Ich bin trotzdem okay!“ ist sehr viel widerstandsfähiger gegenüber blöden Sprüchen, Hänseleien und Mobbing.

Und: Wenn dein Kind weiß, dass es mit dir jederzeit über sein Stottern reden kann, traut es sich eher, über Mobbingerfahrungen im Zusammenhang mit Stottern mit dir zu sprechen.

Grund 4: Das Ignorieren klappt sowieso nicht

Wie geht es dir als Mutter oder Vater, wenn du Stottersymptome bei deinem Kind bemerkst, aber ignorieren sollst? 

Für die meisten Eltern werden alltägliche Sprechsituationen zu Minenfeldern: Sie warten auf jedes Stottern und strengen sich an, möglichst unverkrampft zu wirken, damit ihr Kind nicht bemerkt, dass sie das Stottern bemerken. Und mit jedem neuen Stottersymptom wird das ungute Bauchgefühl stärker, die Sorgen um die Zukunft des Kindes vergrößern sich. 

Das Kind spürt diese Anspannung, das besorgte Stirnrunzeln, den Blick, den sich seine Eltern zuwerfen. Und es verstärkt sich sein Gefühl: „Auch meine Eltern denken, dass ich was falsch mache. Ich mache meinen Eltern Stress und Sorgen.“

Über das Stottern reden: 3 Tipps

So kannst du mit deinem Kind über das Stottern ins Gespräch kommen:

    • Wenn du bemerkst, dass dein Kind stark gestottert hat, kannst du das kurz ansprechen: „Das Wort ist gerade gar nicht rausgekommen. Hat dich das geärgert?“ Auch, wenn dein Kind nicht antwortet: Durch deine Bemerkung bekommt es das Signal, dass über das Stottern gesprochen werden darf, dass seine Gefühle wahrgenommen werden und okay sind. Bei diesen Gesprächen hilft die Methode des aktiven Zuhörens.
    • Es gibt gute Bilderbücher übers Stottern, z. B. von Peter Schneider aus dem Natke-Verlag: „Murmeli schlau sucht einen Ba-Bau“. Darin wird kindgerecht thematisiert, wie ein Murmeltier selbstbewusst mit Stottern umgeht.
  • Und noch ein Tipp für dich selbst, falls es dir schwer fällt, das Thema „Stottern“ anzusprechen: Was denkst du über Menschen, die stottern? Hast du vielleicht selbst als Kind gestottert und kannst dich an viele unangenehme Gefühle erinnern?

    Dann kann es dir helfen, bewusst an deinen eigenen Einstellungen und Glaubenssätzen zum Stottern zu arbeiten – damit du aus vollem Herzen glauben und sagen kannst: „Mein Kind darf stottern! Mein Kind hat viele Stärken und es kann das Leben gut meistern, egal, ob es stottert oder nicht.“

Ich kann dir also nur Mut machen, offen mit deinem Kind übers Stottern zu sprechen – auch, wenn dein Kind erst 2 oder 3 Jahre alt ist. 

Es ist natürlich nicht nötig und auch nicht sinnvoll, ständig das Stottern zu erwähnen und es zum Mittelpunkt jeden Gesprächs werden zu lassen. Da die richtige Balance zu finden, ist manchmal gar nicht so einfach.

Wenn du Unterstützung dazu brauchst, kann dir auch eine in Stottertherapie erfahrene Logopädin zur Seite stehen. In einem Beratungsgespräch ist Platz für deine eigenen Gefühle und Sorgen. Du bekommst Informationen und Tipps zum Stottern bei Kindern, so dass du gelassener und kompetent mit dem Stottern deines Kindes umgehen kannst.

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Hallo, ich bin Wiebke!

Als Logopädin bin ich Expertin für Sprachentwicklung.

Ich weiß genau, wie frustrierend es für alle sein kann, wenn ein Kind sich mitteilen möchte, aber nicht weiß, wie. Oder wenn ein Kind begeistert erzählt, aber keiner versteht, was es sagt.

Bei mir erfährst du, wie du dein Kind beim Sprechen lernen liebevoll begleiten und spielerisch stärken kannst.

Damit dein Kind aufblüht und sich wirklich verstanden fühlt. 

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