Mehrsprachig aufwachsen: Die 5 häufigsten Fragen und meine Antworten als Logopädin

Mehrsprachigkeit bei Kindern: Meine Antworten als Logopädin auf die 5 häufigsten Fragen

Mehrsprachigkeit ist für viele Familien Alltag. Gleichzeitig können Fragen und Sorgen auftauchen, vor allem, wenn dein Kind noch Sprachfehler macht oder der Wortschatz nur langsam wächst.

Auch in meinen Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte erlebe ich immer wieder, wie groß die Unsicherheit bei der Begleitung und Unterstützung mehrsprachiger Kinder ist.

Hier findest du deshalb die 5 häufigsten Fragen und Antworten zur Mehrsprachigkeit aus meiner Perspektive als Logopädin. Ich hoffe, dir damit Klarheit und Sicherheit beim Begleiten deines mehrsprachigen Kindes zu Hause oder deiner mehrsprachigen Kindergruppe geben zu können.

Über das Inhaltsverzeichnis kannst du zu den Fragen springen, die dich interessieren.

Mein kostenloses Angebot für mehrsprachige Familien:
Zur Zeit mache ich eine einjährige Weiterbildung zur Mehrsprachigkeitsberaterin. Deshalb biete ich im Rahmen meiner Ausbildung eine kostenlose Beratungsstunde an. Wenn du dich fragst: Wie kann ich in unserer Situation meine Sprache(n) an mein Kind weitergeben? oder andere Fragen zur Mehrsprachigkeit hast, dann melde dich sehr gerne bei mir! E-Mail an Wiebke (wiebke@starkesprache.de)

Verzögert Mehrsprachigkeit die Sprachentwicklung?

Die Antwort ist eindeutig: Mehrsprachiges Aufwachsen verursacht keine Verzögerungen oder Sprachentwicklungsstörungen. Von Geburt an mehrsprachige Kinder erreichen die Meilensteine der Sprachentwicklung im gleichen Zeitraum wie einsprachige Kinder, zum Beispiel, wann die ersten Wörter oder die ersten Zweiwortsätze gesprochen werden.

Manchmal entsteht der Eindruck, dass der Wortschatz mehrsprachiger Kinder kleiner ist. Der Wortschatz verteilt sich jedoch auf mehrere Sprachen: Wenn zum Beispiel ein finnisch-deutsch sprechendes Kind „Hund“ und „Koira“ (finnisch für „Hund“) kennt, ist der Wortschatz genauso groß wie ein einsprachiges Kind, dass „Hund“ und „Katze“ sagen kann.

Betrachtet man also alle Sprachen zusammen, zeigt sich meist ein altersgemäßer oder sogar besonders umfangreicher Wortschatz.

Tipp: Der Elternfragebogen SBE-2-KT (Suchodoletz & Sachse) hilft, den Wortschatz mehrsprachiger Kinder besser einzuschätzen und ist in vielen Sprachen verfügbar. Eltern können hier ankreuzen, welche Wörter ihr Kind in zwei Sprachen (Deutsch + weitere Sprache) sprechen kann. Link zum Elternfragebogen

Und was ist mit Kindern, die erst mit Kindergartenstart eine zweite Sprache lernen?

Beginnt ein Kind mit drei oder vier Jahren, eine zweite Sprache zu lernen, ist sein Sprachstand darin zunächst niedriger als bei einsprachigen Gleichaltrigen. Mit ausreichend Kontakt zur Sprache holt es diesen Unterschied aber nach und nach auf (wie lange das dauert, erkläre ich weiter unten). Das ist ein ganz normaler Teil des mehrsprachigen Aufwachsens und kein Zeichen für eine verzögerte Sprachentwicklung.

Wann solltest du genauer hinschauen?

Etwa 7–8 % aller Kinder entwickeln eine Sprachentwicklungsstörung (SES), unabhängig davon, ob sie ein- oder mehrsprachig aufwachsen.

Allerdings werden Sprachentwicklungsstörungen bei mehrsprachigen Kindern leichter übersehen, weil angenommen wird, dass die Auffälligkeiten durch die Mehrsprachigkeit verursacht werden würden (“Er braucht halt länger, er lernt ja auch mehrere Sprachen.”)

Ein Warnsignal: Wenn nicht-altersgerechte Auffälligkeiten in allen Sprachen auftreten, z. B.

  • ein eingeschränkter Wortschatz oder deutliche Wortfindungsstörungen
  • Schwierigkeiten beim Satzbau
  • eine auffällige Aussprache, zum Beispiel untypische Lautvertauschungen
  • Schwierigkeiten im Sprachverständnis

Dann sollte im Rahmen einer ärztlichen und logopädischen Diagnostik genauer geschaut werden, ob eine Sprachentwicklungsstörung dahintersteckt.

Weitere Informationen: Einen Überblick über die Grammatikentwicklung im Deutschen bekommst du in meinem Blogartikel „Grammatikentwicklung bei Kindern“. Und einen Einblick in die Entwicklung der Aussprache habe ich in meinem Logopädie-Leitfaden zur Aussprache zusammengefasst.

Was sagt die Forschung? Hier findest du eine aktuelle Studie zur Sprachentwicklung ein- und mehrsprachiger Kinder aus dem Journal of Child Language (2025).

Sollten mehrsprachige Kinder alle Sprachen gleich gut beherrschen?

Mehrsprachige Kinder entwickeln ihre Sprachen fast immer unterschiedlich stark.

Wenn du selbst mehrsprachig bist, dann kennst du das Phänomen wahrscheinlich, dass Sprachen mit Lebensbereichen verbunden sind: Fachliche Themen können zum Beispiel eher in der beruflichen Sprache ausgedrückt werden und alltägliche oder emotionale Themen eher in der Familiensprache. „Ich schimpfe immer in meiner Muttersprache!“ erzählen mir viele mehrsprachige Eltern.

Bei einigen Kindern wird die Umgebungssprache im Laufe der Kindergartenzeit zur dominanten Sprache. Diese kann sich im Laufe des Lebens ändern oder auch je nach Situation und Umgebung wechseln.

Mehrsprachigkeit bedeutet also nicht „Alle Sprachen gleich gut können“, sondern in mehreren Sprachen flexibel kommunizieren können.

Mein Kind antwortet mir nicht in meiner Sprache. Was kann ich tun?

Das ist ein häufiges Phänomen. Viele Kinder verstehen die Familiensprache gut, antworten aber bevorzugt in der Umgebungssprache, die sie aus dem Kindergarten oder der Schule kennen.

Es ist nicht immer leicht, in einer Sprache zu bleiben, wenn dein Kind die Umgebungssprache bevorzugt, vor allem, wenn du selbst die Umgebungssprache gut sprichst.

Kein Kind sollte gezwungen oder gedrängt werden, in einer bestimmten Sprache zu sprechen. Gleichzeitig ist dein Wunsch absolut nachvollziehbar, dass dein Kind auch die Familiensprache aktiv nutzt und sich zum Beispiel mit seinen Großeltern unterhalten kann.

Was hier nicht hilft, ist Druck (nicht leicht, den loszulassen – ich weiß). Mein Tipp ist stattdessen: Überlege dir, welche schönen Sprachmomente ihr gemeinsam erleben könnt, in denen deine Sprache wie nebenbei genutzt wird, zum Beispiel

  • Bücher anschauen
  • Lieder singen
  • Filme schauen
  • Hörspiele hören
  • alltägliche Aktivitäten gemeinsam erleben

Dabei förderst du wirkungsvoll das Sprachverständnis in deiner Sprache und alle Sprachen deines Kindes können wachsen.

Ist Sprachmischen ein Zeichen für Verwirrung?

Nein, ganz im Gegenteil: Sprachmischung (Code-Switching) ist ein Zeichen für sprachliche Kompetenz. Mehrsprachige Kinder nutzen ihren gesamten Sprachschatz aus allen ihren Sprachen, um sich auszudrücken.

Das zeigt nicht Verwirrung, sondern sprachliche und kommunikative Flexibilität. Mit zunehmendem Alter lernen Kinder immer besser: „Wer versteht meine Sprachen?“ und können sich ihrem Gegenüber im Sprachgebrauch anpassen.

Auch mehrsprachige Erwachsene wechseln häufig zwischen den Sprachen, wenn ihre Gesprächspartner ebenfalls beide Sprachen beherrschen. Oder, wie die Linguistin Bettina Gruber es formuliert: „Warum wechseln mehrsprachige Menschen zwischen ihren Sprachen? Weil sie es können!“

Sprachen mischen: Bei mehrsprachigen Kindern total normal.

Was sagt die Forschung? Hier findest du einen Fachartikel von Grosjean und Miller (1994) über das Code-Switching mehrsprachiger Menschen.

Wie schnell lernen Kinder eine neue Sprache im Kindergarten?

Kinder, die bereits eine erste Sprache zu Hause gelernt haben, starten nicht bei Null.

Sie haben bereits wichtige Kompetenzen, zum Beispiel kennen sie:

  • kommunikative Regeln (Wozu ist Sprache da? Wie funktioniert ein Gespräch?)
  • die Aussprache verschiedener Laute
  • das grundlegende Grammatiksystem einer Sprache

Kinder, die mit drei Jahren zum ersten Mal Kontakt mit einer neuen Sprache bekommen, entwickeln meistens innerhalb von ein bis zwei Jahren eine gute Alltagssprache in dieser neuen Sprache. Sie können

  • Bedürfnisse äußern
  • einfache Gespräche führen
  • mit anderen Kindern sprechen
  • im Alltag des Kindergartens gut zurechtkommen

Wie schnell sich die Alltagssprache entwickelt, hängt sowohl von der Dauer des Sprachinputs ab (Wieviel Kontakt hat das Kind täglich zur Sprache?) als auch von der Qualität des Sprachinputs (Wie vielfältig und kindgerecht ist der Sprachinput?).

Deutlich mehr Zeit und Input benötigt die Bildungssprache – die Sprache, die Kinder brauchen, um zu denken, zu lernen und Wissen auszudrücken. Sie entwickelt sich oft über 5 Jahre und länger. Dazu gehören

  • komplexe Sätze verstehen
  • Zusammenhänge erklären
  • Geschichten und Sachtexte verstehen
  • Fachbegriffe nutzen

Bei mehrsprachigen Kindern ist es besonders wichtig, zusätzlich zur Alltagssprache auch auf die Entwicklung der Bildungssprache in der zukünftigen Schulsprache zu achten, damit sie in der Schule Texte, Anleitungen und Zusammenhänge gut verstehen können.

Das klappt auch gut im Alltag:

Zwei Alltagstipps zur Förderung der Bildungssprache

Tipp 1: Laut denken

Begleite dein eigenes Denken sprachlich, zum Beispiel: 

  • „Ich überlege gerade, warum…“
  • „Das finde ich schwierig, weil…“
  • “Was denkst du, wie wir das schaffen können?”

Tipp 2: Täglich Vorlesen

Bücher enthalten neue Wörter, komplexe Sätze und andere Sprachmuster als gesprochene Sprache. Beim Vorlesen werden daher andere Satzstrukturen und Wörter gefördert als beim Sprechen. Wichtig ist: Das Buchthema muss für dein Kind interessant sein, damit es gerne zuhört und mitdenkt.

Du hast weitere Fragen? Zur Zeit ist meine Online-Sprechstunde für Mehrsprachigkeit kostenlos!

Mein kostenloses Angebot für mehrsprachige Familien:
Seit einigen Monaten mache ich eine einjährige Weiterbildung zur Mehrsprachigkeitsberaterin. Deshalb biete ich im Rahmen meiner Ausbildung eine kostenlose Beratungsstunde an. Wenn du dich fragst: Wie kann ich in unserer Situation meine Sprache(n) an mein Kind weitergeben? oder andere Fragen zur Mehrsprachigkeit hast, dann melde dich sehr gerne bei mir! E-Mail an Wiebke (wiebke@starkesprache.de)

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Wiebke Schomaker Logopädin

Hallo, hier schreibt Wiebke!

Ich bin Logopädin, Autorin und Mutter von drei Kindern. Hier findest du Infos zur Sprachentwicklung und Tipps, wie du dein Kind beim Sprechenlernen kompetent und spielerisch begleiten kannst.

Viel Spaß beim Lesen! 🤩

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