Mehrsprachig aufwachsen: Die 5 häufigsten Fragen und meine Antworten als Logopädin

Mehrsprachig aufwachsen: Die 5 häufigsten Fragen rund um Mehrsprachigkeit

In meinen Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte bekomme ich besonders viele Fragen zur Sprachförderung mehrsprachiger Kinder. Viele Fachkräfte fühlen sich unsicher, wie sie Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, gut unterstützen können.

Und auch von Eltern mehrsprachiger Kinder höre ich immer wieder, dass sie sich fragen, wie sie ihr Kind bestmöglich unterstützen können, alle Sprachen der Familie sprechen zu lernen.

Falls es dir ähnlich geht, findest du hier die 5 häufigsten Fragen und meine (möglichst kurz gehaltenen) Antworten als Logopädin zur Sprachentwicklung mehrsprachiger Kinder in der Kita und zu Hause.

Falls deine Frage fehlt, dann schreib sie mir sehr gerne in die Kommentare.

Verzögert Mehrsprachigkeit die Sprachentwicklung?

Mehrsprachigkeit ist weltweit häufiger als der einsprachige Spracherwerb und führt nicht zu einer verzögerten Sprachentwicklung oder Sprachentwicklungsstörung. Allerdings kann die Entwicklung anders verlaufen als bei einsprachigen Kindern. Zum Beispiel verteilt sich der Wortschatz auf mehrere Sprachen. Betrachtet man jedoch alle Sprachen zusammen, zeigt sich meist eine altersgemäße Entwicklung. 

Tipp für Eltern und Fachkräfte: Der Elternfragebogen SBE-2-KT von Suchodoletz & Sachse ist kostenlos und in sehr vielen Sprachen verfügbar. Eltern können hier ankreuzen, welche Wörter ihr Kind in zwei Sprachen (Deutsch + weitere Sprache) sprechen kann. Link zum Elternfragebogen

Wichtig ist zu beachten, dass etwa 7-8% aller Kinder eine Sprachentwicklungsstörung (SES) entwickeln. Mehrsprachige Kinder können genauso wie einsprachige Kinder von einer SES betroffen sein, denn diese ist vor allem genetisch bedingt. 

Allerdings werden Sprachentwicklungsstörungen bei mehrsprachigen Kindern leichter übersehen, weil angenommen wird, dass die Auffälligkeiten durch die Mehrsprachigkeit verursacht werden würden (“Er braucht halt länger, er lernt ja auch mehrere Sprachen.”)

Ein Warnsignal ist, wenn nicht-altersgerechte Auffälligkeiten in allen Sprachen auftreten, z. B. sehr eingeschränkter Wortschatz, Schwierigkeiten beim Satzbau oder beim Sprachverständnis, die nicht mehr typisch für das Alter des Kindes sind.

Tipp: Einen Überblick über die Grammatikentwicklung im Deutschen bekommst du in meinem Blogartikel „Grammatikentwicklung bei Kindern“. Und einen Einblick in die Entwicklung der Aussprache habe ich in meinem Logopädie-Leitfaden zur Aussprache zusammengefasst.

Sollten mehrsprachige Kinder alle ihre Sprachen gleich gut und auf einem “muttersprachlichen Niveau” beherrschen?

Die Kompetenz in den unterschiedlichen Sprachen ist fast immer ungleich verteilt. Zu erwarten, dass ein mehrsprachiger Mensch in allen Sprachen die gleichen Fähigkeiten haben könnte oder sollte, ist nicht realistisch.

Bei vielen Kindern wird die Umgebungssprache im Laufe der Kindergartenzeit zur dominanten Sprache. Diese kann sich im Laufe des Lebens ändern oder auch je nach Situation und Umgebung wechseln. Auch erwachsene Mehrsprachige haben für gewöhnlich unterschiedliche Kompetenzen in ihren Sprachen, zum Beispiel kennen sie Fachbegriffe eher in ihrer beruflichen Sprache und kulturelle oder alltägliche Begriffe eher in der Familiensprache.

Diese Spezialisierung ist normal und Teil von Mehrsprachigkeit.

Ist Sprachmischen ein Zeichen, dass ein Kind verwirrt ist oder jede Sprache nur halb lernt?

Nein, Sprachmischung (Code-Switching) ist ein normales und sogar kompetentes Verhalten. Kinder greifen flexibel auf ihren gesamten Sprachschatz zurück, um sich verständlich zu machen. 

Das zeigt nicht Verwirrung, sondern sprachliche Anpassungsfähigkeit. Je älter Kinder werden, desto sicherer können sie einschätzen, ob ihr Gesprächspartner beide Sprachen oder nur eine ihrer Sprachen versteht und sich dem Gegenüber anpassen.

Auch mehrsprachige Erwachsene wechseln häufig zwischen den Sprachen, wenn ihre Gesprächspartner ebenfalls beide Sprachen beherrschen. Oder wie die Linguistin Dr. Bettina Gruber es ausdrückt: „Warum wechseln mehrsprachige Menschen zwischen ihren Sprachen? Weil sie es können!“

Was mache ich, wenn mein Kind auf Deutsch antwortet, obwohl ich mit ihm in meiner Sprache spreche?

Das ist ein häufiges Phänomen. Viele Kinder entwickeln zunächst ein gutes Verständnis in der Familiensprache, nutzen aktiv aber bevorzugt die Umgebungssprache, zum Beispiel Deutsch, sobald sie in die Krippe, Kita oder Tagespflege kommen. Sie antworten ihren Eltern dann auf Deutsch, auch wenn ihre Eltern in einer anderen Sprache mit ihnen sprechen.

Wichtig ist mir zu betonen, dass kein Kind gezwungen oder gedrängt werden sollte, in einer bestimmten Sprache zu antworten. Die Wahl der eigenen Sprache sollte immer freiwillig sein. Gleichzeitig ist es vielen Eltern verständlicherweise wichtig, dass ihr Kind auch in der Familiensprache Fortschritte macht und diese beherrscht. 

Hier ist es wichtig, zu Hause dranzubleiben, auch wenn das Kind auf Deutsch antwortet, und viel Sprachinput in der Familiensprache zu geben, zum Beispiel über Lieder, Fingerspiele, Bücher, Filme, Hörspiele und gemeinsame Aktivitäten, die dem Kind Spaß machen. So wird nebenbei das Sprachverständnis gefördert, ohne dass Druck auf das Kind aufgebaut wird.

Können Kinder innerhalb von drei Jahren im Kindergarten tatsächlich vollständig eine neue Sprache lernen?

Kinder, die bereits eine erste Sprache zu Hause gelernt haben, fangen nicht „bei Null“ an, sondern können bereits auf Sprachkompetenzen aufbauen: Sie haben bereits das Sprachsystem einer Sprache grundlegend erworben und kennen schon die kommunikativen Regeln und Funktionen von Sprache.

Kinder, die mit drei Jahren oder später zum ersten Mal Kontakt mit einer neuen Sprache bekommen, entwickeln aufbauend auf ihren bisherigen Sprachkompetenzen meistens innerhalb von ein bis zwei Jahren eine gute Alltagssprache in dieser neuen Sprache:

  • gute Alltagskommunikation (Bedürfnisse äußern, einfache Gespräche führen, im Kita-Alltag zurechtkommen)
  • alltäglicher Wortschatz
  • solides Sprachverständnis
  • grundlegende Grammatik

Alltagssprache ist wichtig, um sich im alltäglichen Umgang gut mitteilen zu können. Wie schnell sich diese entwickelt, hängt natürlich auch von der Dauer des Sprachinputs ab, also davon, wieviel Kontakt das Kind zur neuen Sprache hat.

Deutlich mehr Zeit braucht die Bildungssprache, zum Beispiel:

  • komplexe Sätze verstehen und bilden
  • Zusammenhänge erklären
  • Geschichten strukturiert erzählen
  • Fachbegriffe nutzen

Bildungssprache ist die Sprache, die Kinder brauchen, um zu denken, zu lernen und Wissen auszudrücken. Sie entwickelt sich, je nachdem, welchen Sprachinput Kinder bekommen, oft über 5–7 Jahre oder länger.

2 Tipps, um neben der Alltags- auch die Bildungssprache zu stärken

Tipp 1: Nicht direkt eine Lösung anbieten, sondern Denken sprachlich begleiten: 

  • „Ich überlege gerade, wie wir das lösen können.“
  • „Das ist schwierig, weil…“
  • „Wir könnten auch versuchen, …“
  • “Was denkst du, wie wir das schaffen können?”

Tipp 2: Täglich Vorlesen

Schriftsprache ist komplexer als die gesprochene Sprache. Beim Vorlesen werden daher andere Satzstrukturen und Wörter gefördert als beim Sprechen. Wichtig ist natürlich immer, dass das Buchthema interessant für dein Kind ist und es gerne zuhört.

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Wiebke Schomaker Logopädin

Hallo, hier schreibt Wiebke!

Ich bin Logopädin, Autorin und Mutter von drei Kindern. Hier findest du Infos zur Sprachentwicklung und Tipps, wie du dein Kind beim Sprechenlernen kompetent und spielerisch begleiten kannst.

Viel Spaß beim Lesen! 🤩

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