Was ist eine Myofunktionelle Störung?

Was ist eine Myofunktionelle Störung?

MYO…was? Hinter diesem Fachbegriff steckt ein falsches Schluckmuster: Bei einer Myofunktionellen Störung drückt die Zunge beim Schlucken gegen die Zähne statt nach oben gegen den Gaumen. Dadurch können Zahnfehlstellungen (offener Biss) und eine veränderte Kieferform entstehen. Weil die Muskelspannung im Mundbereich nicht ausbalanciert ist, entwickelt sich durch die Myofunktionelle Störung oft ein Lispeln (Sigmatismus) oder insgesamt eine undeutliche Artikulation.

1. Wie erkenne ich, ob mein Kind eine Myofunktionelle Störung hat?

Diese Beobachtungen können auf eine Myofunktionelle Störung hinweisen:

  • Dein Kind atmet viel durch den Mund. Vielleicht ist bei offenstehendem Mund auch die Zunge sichtbar, die zwischen den Zähnen statt dahinter liegt.
  • Dein Kind speichelt viel, auch wenn die Milchzähne schon da sind.
  • Die Gesichtsmuskulatur wirkt schlaff, der Mund steht häufig offen und auch die Körperspannung ist eher niedrig.
  • Die oberen Schneidezähne sind nach vorne geschoben (offener Biss).
  • Die Zunge hat an der Seite Eindrücke der umliegenden Zähne.
    Dein Kind spricht undeutlich („nuschelig“), obwohl es (fast) alle Laute sprechen kann.
  • Dein Kind lispelt.
Mundatmung
Hinweise auf eine Myofunktionelle Störung: Die Muskulatur rund im den Mund wirkt schlaff, häufig steht der Mund offen und die Zunge kommt nach vorne.

2. Was sind Ursachen für eine Myofunktionelle Störung?

Säuglinge werden mit einem infantilen Schluckmuster geboren: Sie bewegen die Zunge vor und zurück und können mit einer wellenförmigen Bewegung an der Brust bzw. Babyflasche saugen. Dieses infantile Schluckmuster verändert sich normalerweise mit etwa 4 bis 6 Monaten. Das Baby bewegt die Zunge beim Schlucken nun nicht mehr nach vorne, sondern nach oben gegen den Gaumen. Die Zunge saugt sich oben im Mund fest, es entsteht ein Unterdruck und die Nahrung rutscht nach hinten.

Bei einigen Kindern bleibt jedoch das frühe infantile Schluckmuster bestehen. Oder durch ungünstige Umstände entsteht ein Schluckmuster, bei dem die Zunge ebenfalls nach vorne drückt statt nach oben gegen den Gaumen. 

Das kann verschiedene Ursachen haben:

2.1 Ungeeigneter Flaschensauger beim Füttern

  • Das Loch im Flaschensauger der Babyflasche ist zu groß. Durch die große Öffnung kommt zu viel Milch in den Mund und das Baby versucht, die Milch mit der Zunge zu bremsen. Die Zunge bleibt dadurch bei der Vorwärtsbewegung. Die richtige Größe hat das Loch am Sauger, wenn die Milch nur langsam tröpfelt (etwa ein Tropfen pro Sekunde).
  • Das Lippenschild des Flaschensaugers ist zu klein. Dadurch rutscht der Sauger zu tief in den Mund und das Baby versucht, ihn mit der Zunge permanent nach vorne zu schieben. Das hat zur Folge, das die Zungenbewegung beim Schlucken nach vorne gerichtet bleibt und sich nicht wie beim Stillen oder beim Füttern mit geeigneter Babyflasche nach einigen Monaten Richtung Gaumen verändert.

2.2 Schnuller bzw. Daumenlutschen

Auch Daumenlutschen oder der Schnuller können bei langjähriger und häufiger Nutzung eine myofunktionelle Störung verursachen.
Der Daumen bzw. Schnuller im Mund bewirken, dass die Zunge nach unten gedrückt wird statt oben am Gaumen zu liegen. Wenn das Kind nun Speichel schluckt, kann die Zunge nicht die richtige Bewegung nach oben ausführen, denn dort befindet sich ja der Schnuller/Daumen. 

Eine ähnliche Wirkung haben Schnabeltassen, auch hier liegt der Schnabel so im Mund, dass die Zunge sich nicht richtig bewegen kann.

Schnuller können eine Myofunktionelle Störung verursachen.
Der Schnuller ist für viele Kleinkinder ein wichtiger Begleiter. Leider wird mit dem Schnuller im Mund das richtige Schlucken verhindert. Deshalb ist es sinnvoll, immer wieder Zeiten ohne Schnuller zu vereinbaren.

2.3 Häufige Erkältungen / Vergrößerte Rachenmandel ("Polypen")

Viele Kinder im Kindergartenalter sind über Monate hinweg immer wieder erkältet und/oder haben eine vergrößerte Rachenmandel (oft umgangssprachlich„Polypen“ genannt). Beides verhindert, dass das Kind durch die Nase atmen kann. Die ständige Mundatmung bewirkt, dass die Zunge unten am Mundboden liegen muss, die Zungenmuskulatur erschlafft und dadurch ein falsches Schluckmuster entsteht.

Hier findest du mehr Infos zu den Zusammenhängen zwischen einer vergrößerten Rachenmandel falschem Schluckmuster und Lispeln. 

3. Was kann ich tun, wenn ich vermute, dass mein Kind eine myofunktionelle Störung hat?

In der Kinderarztpraxis, Zahnmedizin oder Kieferorthopädie wird eine Verordnung für logopädische Therapie ausgestellt. Die Logopädin/Logopäde schaut sich genau das Schlucken, die Muskulatur im Gesichts- und Mundbereich und insgesamt die Körperspannung des Kindes an. 

Ich mache es so, dass ich mit dem Kind gemeinsam einen Plan entwickle, mit dem es schaffen können, das richtige Schlucken zu lernen. Die Übungen sind (je nach Alter des Kindes) spielerisch verpackt. Tägliche kurze Übungen zu Hause sind aber notwendig, damit die myofunktionelle Therapie erfolgreich ist.

Ohne Behandlung verschwindet die Schluckstörung nicht einfach so. 

Ich sehe immer wieder folgenden Verlauf: Ein 10-12jähriges Kind bekommt eine Zahnspange. Nach ein paar Jahren sind die Zähne gerade, die Zahnspange wird entfernt – aber die Zähne sind ohne Spange innerhalb weniger Monate wieder in alter Position. 

Klar, denn ohne myofunktionelle Therapie drückt die Zunge weiterhin gegen die Zähne. Die Zunge hat erstaunlich viel Kraft: Mit 1-2 kg drückt sie die Zähne bei jedem Schlucken nach vorne. Da wir pro Tag 1000-2000x schlucken (vor allem Speichel), haben die Zähne keine Chance gegen diese Zungenkraft.

4. Kann ich verhindern, dass mein Kind eine Myofunktionelle Störung entwickelt?

Nicht immer. 

Eine Myofunktionelle Störung ist nicht „die Schuld“ von Eltern. 

Denn medizinische Ursachen wie häufige Erkältungen, Allergien oder eine vergrößerte Rachenmandel lassen sich nicht immer beeinflussen. Meist spielt auch die familiäre Veranlagung eine Rolle, ob sich eine Myofunktionelle Störung entwickelt. Und auch bei bestimmten Syndromen, z.B. Trisomie 21, sind Auffälligkeiten im Mundbereich häufig – eine frühe logopädische Therapie schon im Säuglingsalter kann hier sehr unterstützen.

Beeinflussbar sind bei Babys und Kleinkindern vor allem:

  • dass ein möglichst passender Flaschensauger (kleines Saugloch, großes Nasenschild) gewählt wird, falls du nicht oder nicht voll stillst

  • dass der Schnuller nur bei Bedarf gegeben wird und nicht ständig über mehrere Jahre (ich weiß, dieser Punkt ist oft leichter gesagt als getan – manchmal ist der Schnuller als Regulationshilfe einfach sehr wichtig)

  • dass der Sauger des Schnullers möglichst klein ist (am besten bei Größe 1 bleiben), eine Nasenaussparung und einen möglichst dünnen Schaft hat (die Stelle, an der sich beim Schnullern die Zähne befinden)

  • dass zum Trinken ein normaler Becher und keine Schnabeltasse verwendet wird

Ich hoffe, dass ich einige deiner Fragen klären konnte. Wenn du mehr über Ideen zur Sprachförderung oder Einblicke in die Logopädie wissen willst, dann lies gerne in weitere Artikel hier auf dem Blog hinein. Neben fachlichen Artikeln schreibe ich auch immer mal über Persönliches.

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Hallo, ich bin Wiebke!

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