Aussprachefehler bei Kindern

Spricht dein Kind manche Wörter falsch aus, vertauscht Buchstaben (Sprachlaute) oder lispelt? Dann kommt hier für dich die Sammlung der 5 häufigsten Fragen zu Sprachfehlern bei Kindern – und meine Antworten als Logopädin.

Das steht im Artikel:

1. Wann können Kinder welche Sprachlaute ("Buchstaben") sprechen?

Die Aussprache von Wörtern ist eine Höchstleistung: Ungefähr 100 Muskeln benötigen wir, um sprechen zu können. Jeder Laut („Buchstabe“) erfordert andere Sprechmuskeln, die sich fein aufeinander abgestimmt bewegen – und das alles in Millisekunden! 

Und das ist noch nicht alles: Bevor ein Kind einen Laut sprechen kann, muss dieser Laut gehört, analysiert und in Kategorien (eine Art „Schubladensystem“ für Sprachlaute im Gehirn) einsortiert werden.

Deshalb ist es völlig normal, dass Kinder am Anfang ihrer Sprachentwicklung noch nicht alle Laute sprechen können.

Die Aussprache von Wörtern ist eine Höchstleistung
Die Aussprache von Lauten und Wörtern ist ziemlich komplex. Bevor ein Kind einen Laut sprechen kann, muss der Laut auf verschiedenen Ebenen gelernt und trainiert werden.

Die ersten Worte bestehen bei vielen Kleinkindern aus einfach zu bildenden Konsonanten, die alle vorne im Mund gebildet werden. 

Das sind im Deutschen die Konsonanten M, N, B, P, D und T und die Vokale. Deshalb sind Mama, Papa, da oder Ba (für „Ball“) häufig die ersten Worte, die Kinder sprechen.

Zwischen 2 und 3 Jahren kommen dann viele weitere Laute dazu, so dass die meisten Kinder spätestens im Alter von 3 bis 4 Jahren auch für Fremde schon gut verständlich sind. Die letzten Laute, die Kinder lernen, sind die Zischlaute SCH und CH. Erst mit 5 Jahren können die meisten Kinder (über 90%) das SCH sprechen und auch in Konsonantenverbindungen wie STR („Straße“) oder SPR („Springen“) einsetzen.

Eine genaue Übersicht über die Sprachentwicklung der einzelnen Laute erhältst du in meinem Logopädie-Leitfaden: Hier kannst du den Leitfaden für 0€ als PDF-Dokument bekommen.

2. Warum spricht mein Kind mit 4 Jahren immer noch Wörter falsch aus?

Wie beschrieben ist es ganz normal, dass Kleinkinder noch nicht alle Sprachlaute sprechen können. Wenn Kinder auch mit 4 oder 5 Jahren noch Sprachlaute vertauschen, weglassen oder insgesamt sehr undeutlich sprechen, kann dies verschiedene Ursachen haben. 

Wichtig ist auch hier, die Entwicklungszeiten der verschiedenen Laute zu beachten. So ist es für ein vierjähriges Kind noch ganz normal, dass es den Laut SCH noch durch ein S ersetzt. Wenn aber ein vierjähriges Kind das K noch konstant durch ein T ersetzt („Tuchen“ statt Kuchen), dann ist die Entwicklung dieses Lautes verzögert, da über 90% aller Kinder das K und G mit 3 Jahren sprechen können.

Die häufigsten Gründe für eine verzögerte Entwicklung der Aussprache sind:

  • Angeborene Schwerhörigkeit: Eine leichte Schwerhörigkeit wird oft erst spät entdeckt. Denn Kinder können leichte Höreinschränkungen oft gut kompensieren – aber feine Unterschiede zwischen Sprachlauten werden nicht gehört. Deshalb sind Aussprachefehler oft das erste Symptom für eine leichte oder einseitige Schwerhörigkeit.
  • Sprachverarbeitung: Bei manchen Kindern liegt eine Schwäche in der Sprachverarbeitung vor. Diese Schwäche wird vererbt und kann sich in Form einer Sprachentwicklungsstörung auch in Aussprachefehlern zeigen.
  • Falsches Schluckmuster: Wenn ein Kind lispelt oder insgesamt undeutlich spricht, kann ein falsches Schluckmuster (eine sog. Myofunktionelle Störung) die Ursache sein. 
  • Auch organische Ursachen wie eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte können zu Auffälligkeiten in der Aussprache führen.

3. Mein Kind lispelt. Bis wann ist Lispeln noch "normal"?

Beim Lispeln (Sigmatismus) wird kein Laut ersetzt wie bei anderen Aussprachefehlern, sondern der Laut S wird fehlgebildet. Untersuchungen zeigen, dass bis zu 35% aller Kinder mit 5 Jahren den S-Laut fehlerhaft bilden: Mit der Zunge zwischen oder an den Zähnen. 

Damit ist das Lispeln der häufigste Aussprachefehler – nicht nur bei Kindern. 

Ab 5 Jahren ist eine Therapie des Lispelns gut möglich. Manche plädieren dafür, den Zahnwechsel abzuwarten, weil das Lispeln dabei manchmal noch von selbst verschwindet. Meiner Erfahrung nach ist dies jedoch selten der Fall.

Manchmal liegt dem Lispeln ein falsches Schluckmuster zugrunde. Dabei wird die Zunge bei jedem Schlucken gegen die Zähne gedrückt. Diese sog. Myofunktionelle Störung sollte logopädisch behandelt werden, um Zahnfehlstellungen zu vermeiden. Auch eine insgesamt „verwaschene“ Aussprache, ein offener Biss und/oder Mundatmung können auf eine myofunktionelle Störung hindeuten.

In meinem Artikel „Warum Kinder lispeln und ab wann du handeln solltest“ gehe ich genauer auf die Ursachen des Sigmatismus ein.

4. Mein Kind macht Aussprachefehler. Ab wann ist logopädische Therapie sinnvoll?

Um diese Frage beantworten zu können, ist es wichtig, genau hinzuschauen, welche Laute ein Kind wie vertauscht. Denn es gibt verschiedene Arten von Aussprachefehlern:

  • Phonetische Fehler (Fehlbildungen von Lauten, im Deutschen v.a. das Lispeln)
  • Phonologische Verzögerung
  • Phonologische Störung
  • Verbale Entwicklungsdyspraxie

Phonologische Verzögerung

Wenn ein älteres Kind Wörter noch so ausspricht wie ein jüngeres Kind, wird diese Sprachauffälligkeit Phonologische Verzögerung genannt. 

Ein Kind mit einer rein phonologischen Verzögerung kann einen bestimmten Laut eigentlich aussprechen. Das heißt: Die Sprechmotorik ist nicht gestört. Das Problem liegt in der falschen Analyse und Speicherung des Lautes (also an der falschen Schublade, siehe Frage 1).

Die Schubladen für Laute bilden sich ersten nach und nach in der Sprachentwicklung. Deshalb gibt es ganz typische „Fehler“ (phonologische Prozesse), die fast alle Kleinkinder in der frühen Sprachentwicklung machen:

  • Das R wird durch ein H ersetzt.
  • Das K (G) wird durch T (D) ersetzt.
  • Einige Konsonantenverbindungen werden vereinfacht (z.B. „Bume“ statt Blume)
  • Das SCH und CH wird durch S ersetzt.
Wenn nur ein einziger Laut verzögert ist, dann ist ab 4 Jahren (bei R, K, G) bzw. ab 5 Jahren (bei SCH) ein guter Zeitpunkt für logopädische Therapie. Falls mehrere Laute betroffen sind, ist es sinnvoll, früher zu starten, damit alle Sprachlaute bis zur Einschulung sicher gesprochen werden können.
 
Besonders häufig ist der sog. Schetismus: Wenn Kinder das SCH nicht sprechen. In meinem Artikel über Schetismus habe ich dir die wichtigsten Hintergrundinfos und ein paar Übungen für die Aussprache zusammengestellt. 

Phonologische Störung

Manchmal passiert es, dass ein Kind Lautersetzungen macht, die nicht in der normalen Sprachentwicklung vorkommen. Diese Kinder haben eine sog. Phonologische Störung.

Häufig sind Kinder mit einer phonologischen Störung schwer verständlich und brauchen dringend frühzeitig logopädische Therapie, denn der Leidensdruck ist oft hoch. Abwarten hilft bei dieser Art von Aussprachefehlern nicht, da sich die phonologische Störung nicht verwächst.

Ein Beispiel für ein Kind mit Phonologischer Störung siehst du auf folgendem Bild:

Was ist eine phonologische Störung?
"Ich tu das Auto in die Tasche." Das Kind ersetzt die Laute T, D, und N durch K, G und NG. Diese Lautersetzungen sind nicht typisch in der normalen Sprachenentwicklung und gehen nicht "von alleine" weg.

Verbale Entwicklungsdyspraxie

Eine Verbale Entwicklungsdyspraxie (VED) ist eine seltene Sprechstörung bei Kindern, bei der die Planung von Sprechbewegungen gestört ist. Viele Kinder mit einer VED starten spät mit dem Sprechen, so dass sie anfangs oft für Late Talker gehalten werden.

Ein Kind mit einer VED braucht eine spezielle und intensive Form der Sprachtherapie. Hier findest du mehr Informationen zur Verbalen Entwicklungsdyspraxie.

5. Wie kann ich meinem Kind helfen, Wörter richtig auszusprechen?

Einen guten Einstieg findest du in meinem Artikel über Spielideen bei Aussprachefehlern. Dort gebe ich Tipps, wie du mit deinem Kind zu Hause üben kannst, Sprachlaute zu unterscheiden, um zum Beispiel die Wartezeit auf einen Logopädieplatz zu überbrücken. 

Außerdem kann ich dir meinen 15-seitigen Logopädie-Leitfaden ans Herz legen. Dort bekommst du von mir 5 Strategien, mit denen du deinem Kind zu Hause helfen kannst, Aussprachefehler zu überwinden. Hier kannst du dich eintragen, um den Leitfaden für 0€ jetzt in dein E-Mail-Postfach zu bekommen.

Konnte ich auch deine Frage zu Sprachfehlern bei Kindern beantworten? Wenn noch Fragen offen geblieben sind, dann schreib mit gerne einen Kommentar unter diesen Artikel. Ich antworte sehr gerne!

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6 Kommentare zu „Sprachfehler bei Kindern: Meine Antworten als Logopädin zu den 5 häufigsten Fragen“

  1. Ich habe den Beitrag über Lispel Probleme bei Kindern gelesen und fand ihn sehr interessant, da mein Sohn auch lispelt. Es war für mich überraschend zu erfahren, dass viele Kinder Schwierigkeiten mit dem S-Laut haben. Gut zu wissen, dass bei jüngeren Kindern das Lispeln noch von alleine verschwinden kann.

    1. Danke für deinen Kommentar! Ja, das Lispeln ist wirklich sehr weit verbreitet bei Kindern im Vorschulalter. Interessanterweise lispeln Kinder im englischsprachigen Raum viel seltener. Der Grund dafür ist vermutlich, dass das gelispelte S (also das „th“ im Englischen) ja bedeutungstragend ist, also ein eigenständiger Laut und es deshalb wichtiger ist, das „th“ und das „s“ zu unterscheiden. Ganz liebe Grüße, Wiebke

  2. Meine Tochter ist 3,5 Jahre und spricht schon sehr gut und auch lange und grammatikalisch korrekte Sätze. Was mich etwas besorgt und ich nichts dazu recherchieren konnte: sie spricht das T nicht richtig aus. Es hört sich eher wie ein K an. Umgekehrt gibts das ja oft( Tatze statt Katze). Bei ihr hört sich „rot“ fast wie „rok“ an.
    Sollte das logopädisch behandelt werden?

    1. Hallo Judith,
      ja, das würde ich tatsächlich von einer Logopäd*in genauer anschauen lassen.
      Ohne deine Tochter zu kennen, will ich lieber keine Ferndiagnosen stellen. Deshalb hier ein paar allgemeine Hintergrundinfos:
      Wenn ein Kind „t“ mit „k“ ersetzt, ist braucht es sehr wahrscheinlich eine logopädische Therapie. Denn diese Lautersetzung gehört nicht zu den typischen Aussprachefehlern, die alle Kinder am Anfang der Sprachentwicklung machen.
      Man nennt dies phonologische Störung“ (genauer „Rückverlagerung“ – da das „k“ hinten im Mund gebildet wird und das „t“ vorne), die mit dem richtigen Therapieansatz sehr gut behandelbar ist.
      Super ist, dass dir die Lautersetzung aufgefallen ist, denn je früher eine phonologische Störung behandelt wird, desto besser.

      Ich hoffe, damit konnte ich dir schon etwas weiterhelfen. Frag gerne nochmal nach.

      Liebe Grüße, Wiebke

  3. Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich habe zwei Kinder und bei meiner Tochter habe ich schon öfters festgestellt, dass sie Probleme hat, einige Wörter korrekt auszusprechen. Ich habe auch gemerkt, dass sie dadurch unsicher wirkt. Eine logopädische Therapie ist hier bestimmt hilfreich.

    1. Hallo Leonie,

      vielen Dank, dass du auf meiner Seite vorbeigeschaut hast. Je nach Alter deiner Tochter sind einige Lautersetzungen noch altersgemäß. Zum Beispiel ersetzen viele Kinder bis zum 5. Geburtstag das SCH noch durch S. Andere Lautersetzungen können (und sollten) aber schon früher behandelt werden, das stimmt – vor allem wenn du bei deiner Tochter eine Verunsicherung wahrnimmst. Logopädische Praxen haben lange Wartelisten, deshalb ist es gut, sich dort frühzeitig zu melden. Ganz liebe Grüße, Wiebke

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Wiebke Schomaker Logopädin

Hallo, hier schreibt Wiebke!

Als Logopädin zeige ich Eltern, wie sie die Sprachentwicklung ihres Kindes spielerisch und kompetent unterstützen können.

Auf meinem Blog findest du logopädisches Fachwissen in verständlicher Sprache, motivierende Spielideen zur Sprachförderung und auch ein paar persönliche Artikel.

Viel Spaß beim Lesen! 🤩

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