Mein Kind spricht Wörter falsch aus!

5 Fakten, die Eltern über Aussprachefehler wissen sollten

Kind spricht Wörter falsch aus: 5 Fakten, die Eltern über Aussprachefehler wissen sollten

„Is tann das son danz alleine!“
Hast du bemerkt, dass dein Kind manche Wörter noch falsch ausspricht? Oder spricht dein Kind insgesamt undeutlich oder nuschelig?

Dann fragst du dich wahrscheinlich, ob diese Aussprachefehler „noch normal“ sind und was für Ursachen hinter der falschen Aussprache stecken könnten.

Hier erfährst du 5 Fakten über Aussprachefehler bei Kindern, damit du genau weißt, warum dein Kind Wörter noch falsch ausspricht – und wann es sinnvoll ist, sich logopädische Unterstützung zu holen.

Noch ein Hinweis zu Beginn: Laute sind etwas anderes als Buchstaben. Normalerweise werden Laute zwischen zwei Schrägstriche in phonetischer Schrift geschrieben, z.B. so: /v/ für W. Darauf habe ich in diesem Blogartikel verzichtet. Stattdessen habe ich die Laute in Großbuchstaben geschrieben. Wichtig ist: Laute werden nicht wie Buchstaben im Alphabet ausgesprochen (also nicht „äff“ für F oder „pe“ für P), sondern nur als einzelner Laut.

Das steht im Artikel:

1. Kinder können nicht von Anfang an alle Laute sprechen.

Die Aussprache von Wörtern ist eine Höchstleistung: Ungefähr 100 Muskeln benötigen wir, um sprechen zu können. Jeder Laut erfordert andere Sprechmuskeln, die sich fein aufeinander abgestimmt bewegen – und das alles in Millisekunden! 

Und das ist noch nicht alles: Bevor ein Kind einen Laut sprechen kann, muss dieser Laut gehört, analysiert und in Kategorien (eine Art „Schubladensystem“ für Sprachlaute im Gehirn) einsortiert werden.

Deshalb ist es völlig normal, dass Kinder am Anfang ihrer Sprachentwicklung noch nicht alle Laute sprechen können.

Die Aussprache von Wörtern ist eine Höchstleistung
Die Aussprache von Lauten und Wörtern ist ziemlich komplex. Bevor ein Kind einen Laut sprechen kann, muss der Laut auf verschiedenen Ebenen gelernt und trainiert werden.

2. Kinder lernen die Laute meistens in einer bestimmten Reihenfolge.

Die ersten Worte bestehen bei vielen Kleinkindern aus einfach zu bildenden Konsonanten, die alle vorne im Mund gebildet werden. 

Das sind im Deutschen die Konsonanten M, N, B, P, D und T und die Vokale. Deshalb sind Mama, Papa, da oder Ba (für „Ball“) häufig die ersten Worte, die Kinder sprechen.

Zwischen 2 und 3 Jahren kommen dann viele weitere Laute dazu, so dass die meisten Kinder spätestens im Alter von 3 bis 4 Jahren auch für Fremde schon gut verständlich sind.

In der folgenden Übersicht siehst du, wann 90% aller Kinder einen Laut sprechen können. Dies sind die sog. Grenzsteine der Lautentwicklung:

Wann können Kinder welchen Laut sprechen?

Ein wichtiger Laut fehlt in der obigen Tabelle: Der S-Laut. Jetzt fragst du dich vielleicht:

Bis wann darf mein Kind lispeln?

Der S-Laut ist tatsächlich ein spezieller Fall in der Lautentwicklung: Denn auch mit 5 Jahren bilden ca. 35% aller Kinder mit deutscher Muttersprache diesen Zischlaut in irgendeiner Form nicht korrekt – sie lispeln.
Damit ist Lispeln der häufigste Sprechfehler bei Kindern.

Tatsächlich wird deshalb immer wieder diskutiert, ob der gelispelte (z.B. interdentale oder addentale) S-Laut einfach eine Variation des „hinter-den-Zähnen-gebildeten“ S-Lautes sein könnte – und deshalb einfach ein „Schönheitsfehler“ ist.

Es ist jedoch sinnvoll, genauer nachzuschauen, warum ein Kind lispelt. Denn viele Kinder lispeln nicht „einfach so“, sondern die Ursache ist häufig ein falsches Schluckmuster, das sich hinter dem Lispeln versteckt. Dieses falsche Schluckmuster sollte behandelt werden, da die Zunge bei jedem Schlucken gegen die Zähne drückt und die Schneidezähne nach vorne verschiebt.

3. Es gibt verschiedene Ursachen für Aussprachestörungen.

Wenn ein Kind bestimmte Laute nicht sprechen kann, obwohl der „Grenzstein“ schon erreicht ist, dann kann das verschiedene Ursachen haben:

  • Paukenergüsse: Manche Kinder können eine Zeitlang nicht gut hören (z.B. durch Paukenergüsse, die durch eine vergrößerte Rachenmandel oder Mittelohrentzündungen entstehen). Sie hören monatelang Sprache nur dumpf. Deshalb speichern sie ähnlich klingende Laute wie T und K über den normalen Zeitraum hinaus als „gleich“ ab. Diese falsche Speicherung bleibt oft bestehen, auch wenn das Kind wieder gut hört. Hier erfährst du mehr über Paukenergüsse und Polypen.
  • Angeborene Schwerhörigkeit: Eine leichte Schwerhörigkeit wird oft erst spät entdeckt. Denn Kinder können leichte Höreinschränkungen oft gut kompensieren – aber feine Unterschiede zwischen Sprachlauten werden nicht gehört. Deshalb sind Aussprachefehler oft das erste Symptom für eine leichte oder einseitige Schwerhörigkeit.
  • Sprachverarbeitung: Bei manchen Kindern liegt eine Schwäche in der Sprachverarbeitung vor. Diese Schwäche wird vererbt und kann sich zum Beispiel in Aussprachefehlern zeigen.
  • Falsches Schluckmuster: Wenn ein Kind lispelt oder insgesamt undeutlich spricht, kann ein falsches Schluckmuster die Ursache sein. Hier erfährst du mehr zum Thema „Lispeln“.
  • Auch organische Ursachen wie eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte können zu Auffälligkeiten in der Aussprache führen.

4. Es gibt verschiedene "Arten" von Aussprachestörungen.

4.1 Phonetische Störung

Ein Kind mit einer phonetischen Störung kann einen bestimmten Laut sprechmotorisch nicht aussprechen.

Dies ist im Deutschen vor allem beim Lispeln (Sigmatismus) der Fall oder bei einer Sonderform des Schetismus, bei der sich das SCH „schlürfend“ anhört (die Luft entweicht an den Seiten der Zunge, daher nennt sich diese Artikulationsstörung Schetismus lateralis). 

4.2 Phonologische Verzögerung

Wenn ein älteres Kind Wörter noch so ausspricht wie ein jüngeres Kind (also zu den 10% gehört, die den jeweiligen Laut noch nicht sprechen können), wird diese Sprachauffälligkeit Phonologische Verzögerung genannt. 

Ein Kind mit einer rein phonologischen Verzögerung kann einen bestimmten Laut eigentlich aussprechen. Das heißt: Die Sprechmotorik ist nicht gestört. Das Problem liegt in der falschen Analyse und Speicherung des Lautes (also an der falschen Schublade).

Die Schubladen für Laute bilden sich ersten nach und nach in der Sprachentwicklung. Deshalb gibt es ganz typische „Fehler“ (phonologische Prozesse), die fast alle Kinder in der frühen Sprachentwicklung machen:

  • Das R wird durch ein H ersetzt.
  • Das K und G wird durch T und D ersetzt.
  • Konsonantenverbindungen (Bl, Schm, Kr,…) werden vereinfacht, z.B. Bume statt Blume.
  • Das SCH und CH-1 wird durch ein S ersetzt.

Eine logopädische Therapie der Phonologischen Verzögerung ist sinnvoll, wenn ein Kind auch nach weiteren 6 Monaten noch keine Fortschritte zeigt (also nicht den Laut zumindest ab und zu schon in Wörtern spricht).

4.3 Phonologische Störung

Manchmal passiert es, dass ein Kind Lautersetzungen macht, die nicht in der normalen Sprachentwicklung vorkommen. Diese Kinder haben eine sog. Phonologische Störung.

Häufig sind Kinder mit einer phonologischen Störung schwer verständlich und brauchen dringend logopädische Therapie, denn der Leidensdruck ist oft hoch.

Ein Beispiel für ein Kind mit Phonologischer Störung siehst du auf folgendem Bild:

Was ist eine phonologische Störung?
"Ich tu das Auto in die Tasche." Das Kind ersetzt die Laute T, D, und N durch K, G und NG. Diese Lautersetzungen sind nicht typisch in der normalen Sprachenentwicklung und gehen normalerweise nicht "von alleine" weg.

4.4 Verbale Entwicklungsdyspraxie

Eine Verbale Entwicklungsdyspraxie ist eine seltene Sprechstörung bei Kindern, bei der die Planung von Sprechbewegungen gestört ist. Das wirkt sich oft massiv auf die Sprachentwicklung aus:

  • Kinder mit einer VED brabbeln als Baby weniger und fangen sehr viel später an zu sprechen.
  • Wörter werden nicht „immer gleich falsch“ gesprochen wie bei einer phonologischen Verzögerung oder Störung, sondern jede Wiederholung des Wortes kann anders klingen.
  • Kinder mit einer VED müssen erst nach der richtigen Sprechbewegung „suchen“ – diese Suchbewegung ist manchmal auch von außen beobachtbar.

Wenn du den Verdacht hast, dass dein Kind eine Verbale Entwicklungsdyspraxie haben könnte, dann ist frühe und kompetente Hilfe nötig. Nicht alle Ärzte und Therapeuten kennen sich mit einer VED aus. Auf der Website des Logopäden Christoph Marks-Wilhelm findest du eine Liste mit ausgebildeten Therapeuten und weitere Infos.

5. Aussprachestörungen verwachsen sich nicht von alleine.

Bei einer Aussprachestörung ist es wichtig, sich rechtzeitig logopädische Unterstützung zu holen. Denn meistens verschwindet sie nicht „einfach so“.

Tatsächlich habe ich auch schon Erwachsene behandelt, die wegen „Nuschelns“ in die Praxis gekommen sind. Bei genauerem Hinhören stellte sich dann heraus, dass das Nuscheln eine Strategie war, die sich die Erwachsenen als Kind angewöhnt hatten, damit man den Sprachfehler nicht so genau hört. 

Auch für den Lese- und Schreibprozess ist es wichtig, dass Kinder die Laute genau unterscheiden (d.h. gut ins „Schubladensystem“ eingeordnet haben) und sauber sprechen können – denn sie werden die Wörter so aufschreiben, wie sie die Laute bei sich selbst hören.

 

Ich hoffe, dass  ich mit den 5 Fakten ein wenig Klarheit in das große Thema der Aussprachestörungen bringen konnte. Wenn du ganz konkrete und einfache Spielideen suchst, mit denen du dein Kind in seiner Aussprache unterstützen kannst, dann lies hier weiter!

Schreibe mir sehr gerne, wenn beim Lesen Fragen aufgetaucht sind oder nicht beantwortet wurden. Ich freue mich über eine Nachricht von dir!

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Hallo, ich bin Wiebke!

Als Logopädin bin ich Expertin für Sprachentwicklung.

Ich weiß genau, wie frustrierend es für alle sein kann, wenn ein Kind sich mitteilen möchte, aber nicht weiß, wie. Oder wenn ein Kind begeistert erzählt, aber keiner versteht, was es sagt.

Bei mir erfährst du, wie du dein Kind beim Sprechen lernen liebevoll begleiten und spielerisch stärken kannst.

Damit dein Kind aufblüht und sich wirklich verstanden fühlt. 

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