"Late Talker sind einfach Spätzünder!" Stimmt das?

Das kommt schon noch Late Talker sind Spätzünder! Stimmt das?

Sind Late Talker einfach nur Spätzünder?

Ich lese es in Facebook-Elterngruppen immer wieder:

Eltern beschreiben ihre Sorgen, dass ihr Kind mit 2 Jahren nur ein paar Wörter spricht und fragen nach Ideen zur Sprachförderung. Statt ermutigenden Impulsen erhalten sie aber oft folgende Antworten:

  • Warte einfach ab! Mein Sohn hat an seinem 2. Geburtstag noch gar nicht gesprochen. Jetzt redet er wie ein Wasserfall!

  • Jedes Kind entwickelt sich anders! Da muss man doch nicht gleich fördern oder therapieren. Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.

  • Einfach immer viel mit deinem Kind reden und erklären, dann wird das schon!

  • Immer diese Helikopter-Eltern! Nun lass doch dein Kind in Ruhe und steck es nicht so schnell in eine Schublade!

Ich weiß: Hinter diesen Antworten steckt die gutgemeinte Idee, die Eltern zu beruhigen und ihnen den Druck zu nehmen, dass ihr Kind „etwas können müsste“. Den Ansatz, Kinder nicht zu vergleichen, sondern sie so sein zu lassen, wie sie sind, finde ich großartig. Diese Aussage kann ich voll unterstützen!

Aber: Diese Antworten suggerieren auch, dass „Abwarten die beste Medizin“ für Late Talker sein soll. Und da widerspreche ich.

In diesem Artikel erzähle ich dir, warum ich der Meinung bin, dass es wichtig ist, genau hinzuschauen, wenn Kinder mit zwei Jahren nur wenig sprechen.

Hier sind meine 3 Gründe, die gegen die Strategie „Einfach-mal-Abwarten“ sprechen:

Grund 1: Ein später Sprechbeginn kann das erste Symptom einer Sprachentwicklungsstörung sein

Ein Teil der zweijährigen Late Talker holt bis zum dritten Geburtstag die Sprachentwicklung komplett auf, ohne dass sie besonders gefördert werden. Sie sind tatsächlich einfach „Spätstarter“. Für diese Kinder funktioniert die Strategie „Einfach-mal-Abwarten“.

Aber nicht alle Late Talker machen bis zum dritten Geburtstag so große Fortschritte: Die Mehrheit der Late Talker zeigt auch mit drei Jahren noch deutliche Sprachauffälligkeiten. Bei etwa 23% aller ehemaligen Late Talker wird mit 5 Jahren eine Sprachentwicklungsstörung diagnostiziert, bei weiteren 30% leichtere Auffälligkeiten in der Sprache (1).

Der Begriff „Late Talker“ ist also erstmal keine Diagnose. Aber es kann ein Warnzeichen für eine sich entwickelnde Sprachentwicklungsstörung sein. Ich finde es sinnvoll hinzuschauen, wenn in der Entwicklung von Kindern solche Warnzeichen auftauchen. Dieses Hinschauen bedeutet nicht, das Kind „in eine Schublade zu stecken“ oder „eine Helikopter-Mama“ zu sein. Sondern das Hinschauen gibt Kindern die Chance, Hilfe zu bekommen, wenn es nötig ist.

Grund 2: Die magische 50-Wörter-Grenze

Die Sprachentwicklung aller Kinder verläuft in einer festgelegten Reihenfolge. Die ersten 50 Wörter lernen Kinder normalerweise in gemächlichem Tempo: Am Anfang des Wortlernens kommen pro Woche ungefähr 2-3 neue Wörter hinzu, die ein Kind sprechen kann. 

Wenn ein Kind ungefähr 50 unterschiedliche Wörter sprechen kann, ist ein Meilenstein in der Sprachentwicklung erreicht: Es ist nun genügend Wortmaterial da, um erste Wörter zu Zweiwortsätzen zu kombinieren und damit in die frühe Grammatik einzusteigen. Die 50 Wörter im aktiven Wortschatz des Kindes lösen einen weiteren Entwicklungsschub aus: Das Speichersystem des Gehirns für Wörter verändert sich (2). Diese Umstrukturierung im Sprachzentrum deines Kindes bewirkt, dass es plötzlich viel schneller neue Wörter speichern und sprechen kann. 

Das Zeitfenster für superschnelles Wortschatzwachstum öffnet sich: In dieser Phase können Kinder ein neues Wort, das sie nur 1-2 Mal hören, in ihren Wortschatz aufnehmen (diese schnelle Speicherung wird als „fast-mapping“ bezeichnet). Bei vielen Kindern kommen so bis zu 9 neue Wörter PRO TAG im Wortschatz dazu!

Bei einem Kind, das noch nicht diese „magischen 50 Wörter“ sprechen kann, wird auch die Umstrukturierung des Gehirns noch nicht ausgelöst. Die Folge für Late Talker: Das Speichern neuer Wörter bleibt langsam und mühsam. Deshalb ist das erste Ziel in einer Late-Talker-Therapie der Aufbau eines Grundwortschatzes von über 50 Wörtern.

Eine Sprachtherapie für Late Talker kann also helfen, dass die Sprachentwicklung nicht zu lange stagniert, sondern die Sprachentwicklung schon früh angeschoben wird und wieder „in Fluss“ kommt. Deshalb ist hier das Motto: Je früher, desto besser.

Grund 3 : Late Talker können sich nicht so mitteilen, wie sie wollen

Klar, wenn ein Kind zum 2. Geburtstag noch nicht viel spricht, leidet es meistens noch nicht darunter. Aber im Laufe des dritten Jahres entwickeln sich Kinder rasant weiter: Zwei- bis dreijährige Kinder sind in ihrer Denkentwicklung so weit, dass sie viele Zusammenhänge verstehen können und tausend Fragen stellen. Sie erforschen voller Neugierde die Zusammenhänge in dieser Welt, wollen sich mitteilen und von Erlebnissen, ihren Gedanken und Gefühlen erzählen. Sie wollen erfahren: Was denkt der andere? Und was habe ich zu sagen?

Late Talkern fehlen die Worte für diese Gespräche. Das kann mit zunehmendem Alter richtig frustrierend sein – für das Kind genauso wie für seine Familie! Das Erfahren von Weltwissen und vor allem das Selbstwertgefühl können durch eine schleppende und mühsame Sprachentwicklung einen echten Knick bekommen. 

Wissen lässt sich nachholen. Aber die Erfahrung: „Ich kann nicht mit anderen ins Gespräch kommen. Ich will mich mitteilen, aber keiner versteht mich.“ kann manche Kinder noch lange prägen.

Das ist so schade und muss nicht sein: Denn Eltern können lernen, wie sie mit ihrem Kind auch in einfachen Worten tiefgehende Gespräche führen können. Dazu brauchen sie Unterstützung und sinnvolle Anleitung statt das Gefühl suggeriert zu bekommen, „übertriebene Förder-Muttis“ zu sein

Late Talker können sich nicht mitteilen.
Für Late Talker kann es sehr frustrierend sein, nicht mitteilen zu können, was im Kopf vor sich geht.

Fazit: Nicht einfach abwarten

Alle Eltern mit Late Talker-Kindern haben ein Recht auf eine professionelle Diagnostik der Hör- und Sprachfähigkeiten des Kindes und auf individuelle Beratung.

Wenn du dir Sorgen um die Sprachentwicklung deines Kindes machst, dann ist der Kinderarzt/die Kinderärztin die erste Ansprechpartnerin. Nicht alle Kinderärzte wissen, dass es wirksame Therapien auch für zweijährige Late Talker gibt. Manchmal ist deshalb etwas Überzeugungsarbeit nötig. 

Oft reichen schon ein paar logopädische Diagnostik- und Beratungsstunden, denn nicht jeder Late Talker braucht sofort Sprachtherapie. Mit den passenden Sprachförderstrategien kannst du auch zu Hause sehr wirksam die Sprachentwicklung deines Kindes unterstützen.

Deshalb: Lass dich durch „Einfach abwarten“-Ratschläge nicht entmutigen, deinem Kind zu helfen. Wenn du die Sprachentwicklung deines Kindes förderst, bedeutet das nicht: „Du ziehst am Gras!“ sondern: „Du gibst deinem Kind wertvollen Dünger, damit die Sprache gut wachsen und blühen kann.“

Quellen:

(1) Claudia Hachul (2012): Late Talker, Late Bloomer, Sprachentwicklungsstörung, S. 54. In: Niebuhr-Siebert und Wiecha (Hrsg.): Kindliche Sprach-, Sprech-Stimm- und Schluckstörungen

(2) Christina Kauschke (2003): Sprachtherapie bei Kindern zwischen 2 und 4 Jahren, S. 158. In: Langen-Müller, Iven at all. (Hrsg.): Früh genug, zu früh, zu spät?

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Hallo, ich bin Wiebke!

Als Logopädin bin ich Expertin für Sprachentwicklung.

Ich weiß genau, wie frustrierend es für alle sein kann, wenn ein Kind sich mitteilen möchte, aber nicht weiß, wie. Oder wenn ein Kind begeistert erzählt, aber keiner versteht, was es sagt.

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Damit dein Kind aufblüht und sich wirklich verstanden fühlt. 

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