Wie entwickelt sich Sprache bei Kindern? Und welche Fähigkeiten brauchen Kinder, um erste Wörter und erste Sätze zu sprechen? In diesem Artikel gebe ich dir einen Überblick über wichtige Meilensteine der Sprachentwicklung von 0 bis 3 Jahren.
Dabei geht es nicht darum, wann ein Kind ganz genau welches Wort sprechen muss. Die Meilensteine können dir aber dabei helfen, die Entwicklung deines Kindes besser zu verstehen und einzuschätzen.
Außerdem zeige ich dir, auf welche Entwicklungsschritte du achten kannst, wenn dein Kind mit zwei Jahren noch wenig oder gar nicht spricht.
Inhalt des Artikels
Das erste Lebensjahr: Kommunikation von Anfang an
Sprache beginnt lange vor dem ersten Wort. Schon ein Baby kommuniziert von Anfang an mit seiner Umwelt: Es schaut, lächelt, macht Laute, reagiert auf die Stimme seiner Bezugsperson und entwickelt nach und nach immer mehr Möglichkeiten, sich mitzuteilen.
Auch die Fähigkeit, Sprache zu verstehen und selbst Laute zu bilden, entwickelt sich bereits im ersten Lebensjahr. Dabei passt sich das Baby zunehmend an die Sprache(n) an, die es regelmäßig hört.
Wichtige Entwicklungsschritte im ersten Lebensjahr sind unter anderem:
- erste Dialoge zwischen Baby und Bezugsperson
- Lallen und Brabbeln
- erste Wörter verstehen
- absichtsvoll kommunizieren
- Aufmerksamkeit mit anderen teilen
1. Erste Dialoge
Babys beginnen schon früh, auf Sprache und Mimik zu reagieren. Sie strampeln, jauchzen oder lachen, wenn jemand mit ihnen spricht. Sie schauen ihr Gegenüber an und reagieren auf dessen Stimme.
Dabei entstehen schon sehr früh kleine Dialoge: Eine Bezugsperson spricht mit dem Baby, das Baby antwortet mit einem Laut oder einem Lächeln und die Bezugsperson reagiert wiederum darauf.
Diese Wechselspiele sind wichtige Vorläufer späterer Gespräche.
Auch Bezugspersonen passen ihre Sprache intuitiv an ein Baby an. Sie sprechen häufig etwas langsamer und melodischer, verwenden eine höhere Stimme und wiederholen wichtige Wörter. Diese besondere Sprechweise wird als Babytalk oder Motherese bezeichnet.
2. Lallen und Brabbeln
In den ersten Lebensmonaten probieren Babys immer mehr Laute aus. Zunächst entstehen vor allem einzelne Vokale und andere frühe Lautäußerungen. Später kommen immer mehr unterschiedliche Laute hinzu.
Ab ungefähr der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres beginnen Babys, Silben aneinanderzureihen. Es entstehen typische Silbenketten wie „bababa“, „mamama“ oder „dadada“.
Dieses Lallen ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Sprechen. Das Baby übt dabei, seine Stimme und die Bewegungen von Lippen, Zunge und Kiefer immer besser aufeinander abzustimmen.
Auch die Sprachumgebung beeinflusst das Lallen zunehmend. Babys beginnen, die Sprachmelodie und die Lautmuster ihrer Umgebung aufzunehmen. So klingt das Lallen eines Babys, das überwiegend Deutsch hört, allmählich anders als das Lallen eines Babys, das überwiegend Französisch hört.
Viele Babys lallen besonders gerne, wenn sie zufrieden und aufmerksam sind. Sie spielen mit ihrer Stimme und wiederholen Laute immer wieder.
Etwas später können sich die Silbenketten sogar wie kleine Sätze anhören. Es klingt dann tatsächlich so, als würde das Kind schon erzählen, bwohl es noch keine richtigen Wörter benutzt.
3. Erstes Sprachverständnis
Im zweiten Lebenshalbjahr beginnen Kinder, erste Wörter zu verstehen. Dazu gehören zum Beispiel Namen von Personen, Wörter aus täglichen Routinen oder häufig verwendete Aufforderungen.
Wenn du beim Anziehen immer wieder „Schuhe“ sagst, kann dein Kind irgendwann verstehen, was damit gemeint ist. Wenn du beim Essen „lecker“ sagst, verbindet es das Wort mit der Situation und den Erfahrungen, die es damit gemacht hat.
Dabei hilft dem Baby zunächst sehr viel der Zusammenhang: Es hört das Wort und beobachtet gleichzeitig die Situation, die Mimik und die Handlungen der Erwachsenen.
Das Sprachverständnis wächst im Laufe der nächsten Monate immer weiter und wird zu einer wichtigen Grundlage für den späteren aktiven Wortschatz.
Ganze Sätze verstehen Babys in diesem Alter noch nicht, sondern verwenden die Schlüsselwortstrategie: Sie kombinieren mit Hilfe der bekannten Situation und mit Hilfe eines bekannten Wortes, was gemeint sein könnte.
4. Mit Absicht kommunizieren können
Eine besonders wichtige Entwicklung ist, dass ein Baby nach und nach versteht: Ich kann anderen Menschen etwas mitteilen.
Wenn Bezugspersonen zuverlässig auf die Signale eines Babys reagieren, macht es eine wichtige Erfahrung: Meine Laute, mein Blick, meine Gesten und meine Bewegungen haben eine Wirkung.
Das Baby beginnt deshalb zunehmend, absichtsvoll zu kommunizieren.
Es zeigt zum Beispiel auf einen Gegenstand, den es haben möchte. Oder es schaut eine Person an, schaut dann zu einem Gegenstand und wieder zurück zur Person.
Mit ungefähr 9 bis 12 Monaten können viele Kinder bereits deutlich zeigen, was sie möchten oder worauf sie aufmerksam machen wollen. Sie benutzen dafür nicht nur ihre Stimme, sondern auch Blick, Mimik, Gesten und Bewegungen.
Wenn ein Kind unbedingt die Kekse aus dem Küchenschrank haben möchte, zeigt es vielleicht zuerst auf den Schrank. Wenn niemand reagiert, wird es lauter, schaut die Eltern auffordernd an oder zieht sie zum Schrank. Das Kind hat noch keine Wörter für seine Wünsche, aber es kommuniziert trotzdem sehr deutlich.
5. Gemeinsam auf etwas schauen
Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Entwicklung der gemeinsamen Aufmerksamkeit.
Am Anfang konzentriert sich ein Baby entweder auf einen Menschen oder auf einen Gegenstand. Nach und nach lernt es, seine Aufmerksamkeit zwischen beidem zu koordinieren.
Ein Beispiel: Dein Kind entdeckt einen Bagger auf der Straße. Es schaut den Bagger an. Dann schaut es dich an. Vielleicht zeigt es auf den Bagger und schaut wieder zu dir.
Mit diesem Blick zeigt dein Kind: „Schau mal! Da ist ein Bagger und ich möchte dieses Erlebnis mit dir teilen.“
Diese Fähigkeit entwickelt sich im Laufe des ersten Lebensjahres weiter und wird für die Sprachentwicklung immer wichtiger. Denn nun könnt ihr gemeinsam interessante Dinge betrachten und euch darüber unterhalten, zunächst auch ohne Worte: über den Regenwurm auf dem Weg, über den Krümel auf dem Fußboden oder über den Bagger auf der Straße.
Die Bezugsperson kann diese gemeinsamen Momente sprachlich begleiten: „Oh, ein Bagger! Der ist aber groß.“ So entstehen immer mehr Gelegenheiten, Wörter mit gemeinsamen Erlebnissen zu verbinden.
Wenn diese Meilensteine der Sprachentwicklung erreicht sind, dann ist es nicht mehr weit bis zum ersten Wort.
Mit 12 bis 18 Monaten: Die ersten Wörter
Die meisten Kinder beginnen um den ersten Geburtstag herum, das erste Wort zu sprechen. Oft ist dieses erste Wort „Mama“ oder „Papa“, manchmal auch „heiß“, „nein“ oder „wauwau“, je nachdem, was für das Kind besonders eindrücklich ist und was es oft hört.
Zu den ersten Wörtern zählen auch
- Wörter, die vereinfacht ausgesprochen werden („Nana“ statt Banane)
- selbsterfundene Wörter („Didi“ für Schnuller)
- Geräusche (Lautmalereien) für Tiere („gaga“ für alle Vögel)
- Actionwörter („bumm!“, wenn etwas umfällt)
- Gebärden (Handdrehen für „noch mehr“)
Kinder kommunizieren nicht nur mit gesprochenen Wörtern. Sie zeigen auf etwas, winken, schütteln den Kopf oder machen eine bestimmte Gebärde, um etwas mitzuteilen. Manche Kinder nutzen dabei viele Gesten, andere weniger.
Gesten sind wichtige kommunikative Zeichen und zeigen, dass ein Kind bereits verstanden hat, dass es anderen Menschen etwas mitteilen kann. Wenn ein Kind beispielsweise auf seinen Becher zeigt und „da!“ sagt, nutzt es bereits verschiedene Kommunikationsmittel gleichzeitig.
Um neue Wörter zu lernen, nutzen viele Kinder die Technik der Imitation: Sie imitieren dabei genau die Wörter, die sie schon verstehen (also als passiven Wortschatz schon gespeichert haben), aber noch nicht aktiv sprechen. Das Imitieren hilft Kindern, die Wortform (Wie wird das Wort ausgesprochen?) mit dem Wortinhalt (Was bedeutet das Wort?) zu verknüpfen.
Mit 18 bis 24 Monaten: Die ersten Sätze
Wenn Kinder ungefähr 50 Wörter sprechen können, dann beginnen sie, Zweiwortsätze zu bilden. Zweiwortsätze bestehen aus zwei Wörtern, die ein Kind miteinander kombiniert, zum Beispiel: „Mama Arm“ oder „Mila hamham“. Oft beginnt zeitgleich der Wortschatzspurt: Jetzt kommen täglich neue Wörter dazu, so dass der Wortschatz schnell wächst.
Diese Phase des rasanten Wortschatzwachstums bewirkt, dass viele Kinder um den zweiten Geburtstag herum schon rund 300 Wörter sprechen und mit Zwei- oder Mehrwortsätzen einiges ausdrücken können, was sie mitteilen wollen. Diese ersten Sätze sind aber noch nicht vollständig oder grammatikalisch „richtig“ im Vergleich zur Erwachsenensprache. In meinem Artikel zur Entwicklung der Grammatik erkläre ich ausführlicher, wann Kinder welche Phasen der Grammatikentwicklung durchlaufen.
Auch in der Aussprache der Wörter gibt es noch viele Vereinfachungen oder Lautersetzungen. In meinem Leitfaden für eine gute Aussprache erfährst du die genaue Reihenfolge, in der Kinder Sprachlaute richtig sprechen lernen.
Und der Wortschatz? Der entwickelt sich ein Leben lang sehr individuell weiter:
Late Talker: Wenn ein Kind mit 2 Jahre noch wenig oder gar nicht spricht
Falls du dir diesen Artikel mit besorgtem Bauchgefühl durchliest, weil dein Kind noch wenig spricht: Du bist nicht allein. Etwa 15% aller Zweijährigen gehören zu den Late Talkern. Als Late Talker werden Kinder bezeichnet, die am 2. Geburtstag noch keine 50 Wörter und keine Zweiwortsätze sprechen.
Viele Late Talker holen die Sprachentwicklung bis zum dritten Geburtstag auf. Manche Late Talker bleiben auch mit drei Jahren auffällig in ihrer Sprachentwicklung. Bei ihnen ist der späte Sprachbeginn ein erster Hinweis für eine Sprachentwicklungsstörung.
Es ist also sinnvoll, genauer hinzuschauen, wenn dein Kind mit 18 Monaten noch kein Wort oder mit 24 Monaten noch keine 50 Wörter spricht.
Beobachte dein Kind, ob es die Meilensteine des ersten Lebensjahres erreicht hat:
- Hat es viel gelallt / gebrabbelt und Silbenketten gesprochen?
- Gab und gibt es Gespräche zwischen euch, auch ohne Worte?
- Wie versteht dein Kind Sprache? Kann es mit 2 Jahren auf einfache Anweisungen reagieren, zum Beispiel auf etwas im Buch zeigen?
- Teilt sich dein Kind gezielt mit, zum Beispiel mit Gebärden oder der Zeigegeste?
- Verwendet dein Kind den triangulären Blickkontakt, zum Beispiel, wenn es dir einen Gegenstand bringt und dann zwischen Gegenstand und dir hin und her schaut, als wollte es sagen: „Schau mal, was das Tolles ist!“?
Hier findest du drei erste Tipps, mit denen du deinen Late Talker fördern kannst.
Wenn du beunruhigt bist, weil sich die Sprachentwicklung deines Kinder langsamer oder anders entwickelt, dann kann dir und deinem Kind eine logopädische Beratung helfen. Sinnvoll ist es außerdem, mögliche Ursachen für Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung in der kinderärztlichen Praxis untersuchen zu lassen, zum Beispiel eine Schwerhörigkeit aufgrund von Paukenergüssen.
Sprachentwicklung und Autismus
Nicht alle Kinder erwerben Sprache gleich. Vor allem Kinder im Autismus-Spektrum (aber auch manche neurotypischen Kinder) entwickeln Sprache anders. Im sog. gestaltbasieren Sprachentwicklungsstil beginnt der Spracherwerb nicht mit einzelnen Wörtern, sondern mit Echolalien (Imitationen) von Wörtern, Phrasen oder ganzen Sätzen. In meinem Interview mit der Sprachtherapeutin Lisa Klaar erfährst du mehr zum gestaltbasierten Sprachentwicklungsstil.
Dies war mein Überblick über die Meilensteine der Sprachentwicklung in den ersten drei Lebensjahren. Schreib mir gerne, wenn etwas unklar geblieben ist. Ich freue mich über einen Kommentar!

Hallo, hier schreibt Wiebke!
Ich bin Logopädin, Autorin und Mutter von drei Kindern. Hier findest du Infos zur Sprachentwicklung und Tipps, wie du dein Kind beim Sprechenlernen kompetent und spielerisch begleiten kannst.
Viel Spaß beim Lesen! 🤩