Wann sprechen Kinder ihre ersten Wörter? Ab wann bilden sie Sätze? Und wann sollte ein Kind alle Laute und Wörter richtig aussprechen können?
In diesem Artikel gebe ich dir einen Überblick über die wichtigsten Meilensteine der Sprachentwicklung von 0 bis 6 Jahren aus den Bereichen Wortschatz, Grammatik und Aussprache.
Inhalt des Artikels
Meilensteine von 0 bis 12 Monaten
Schon Babys teilen sich mit: Zunächst durch Schreien, später durch unterschiedliche Laute, Lächeln und Gesten. Im Laufe des ersten Lebensjahres beginnen sie, mit ihrer Stimme zu experimentieren.
Gegen Ende des ersten Lebensjahres verstehen viele Kinder bereits einzelne Wörter und einfache Aufforderungen aus vertrauten Situationen. Manche sprechen auch schon ihre ersten Wörter.
Die wichtigsten Meilensteine zum ersten Geburtstag:
- hat Spaß an Liedern, Fingerspielen und Gesprächen
- versteht erste Wörter
- zeigt auf Dinge
- lallt und brabbelt

Meilensteine mit 13 bis 18 Monaten
Die meisten Kinder beginnen um den ersten Geburtstag herum, das erste Wort zu sprechen. Oft ist dieses erste Wort „Mama“ oder „Papa“, manchmal auch „heiß“, „nein“ oder „wauwau“, je nachdem, was für das Kind besonders eindrücklich ist und was es oft hört.
Zu den ersten Wörtern zählen auch
- Wörter, die vereinfacht ausgesprochen werden („Nana“ statt Banane)
- selbsterfundene Wörter („Didi“ für Schnuller)
- Geräusche (Lautmalereien) für Tiere („gaga“ für alle Vögel)
- Actionwörter („bumm!“, wenn etwas umfällt)
Kinder kommunizieren nicht nur mit gesprochenen Wörtern. Sie zeigen auf etwas, winken, schütteln den Kopf oder machen eine bestimmte Gebärde, um etwas mitzuteilen.
Gesten und Gebärden sind wichtige kommunikative Zeichen und zeigen, dass ein Kind bereits verstanden hat, dass es anderen Menschen etwas mitteilen kann. Wenn ein Kind beispielsweise auf einen Bagger zeigt und „da!“ ruft, nutzt es bereits verschiedene Kommunikationsmittel gleichzeitig.

Exkurs: Sprachentwicklung und Autismus
Nicht alle Kinder erwerben Sprache gleich. Vor allem Kinder im Autismus-Spektrum (aber auch manche neurotypischen Kinder) entwickeln Sprache gestaltbasiert. Bei ihnen beginnt der Spracherwerb nicht mit einzelnen Wörtern, sondern mit Echolalien (verzögerten Imitationen) von Wörtern, Phrasen oder ganzen Sätzen, zum Beispiel aus Lieblingsserien.
In meinem Interview mit der Sprachtherapeutin Lisa Klaar erfährst du mehr zum gestaltbasierten Sprachentwicklungsstil.
Meilensteine mit 1 1/2 bis 2 Jahren
Wenn Kinder ungefähr 50 Wörter sprechen können, dann beginnen sie, Zweiwortsätze zu bilden. Zweiwortsätze bestehen aus zwei Wörtern, die ein Kind miteinander kombiniert, zum Beispiel: „Mama Arm“ oder „Mila hamham“. Oft beginnt zeitgleich der Wortschatzspurt: Jetzt kommen täglich neue Wörter dazu, so dass der Wortschatz schnell wächst.
Diese ersten Sätze sind noch nicht vollständig oder grammatikalisch „richtig“ im Vergleich zur Erwachsenensprache. In meinem Artikel zur Entwicklung der Grammatik erkläre ich ausführlicher, wann Kinder welche Phasen der Grammatikentwicklung durchlaufen.
Auch in der Aussprache der Wörter gibt es noch viele Vereinfachungen oder Lautersetzungen.

Exkurs Late Talker: Wenn ein Kind mit 2 Jahren noch wenig oder gar nicht spricht
Falls du dir diesen Artikel mit besorgtem Bauchgefühl durchliest, weil dein Kind noch wenig spricht: Du bist nicht allein. Etwa 15% aller Zweijährigen gehören zu den Late Talkern. Als Late Talker werden Kinder bezeichnet, die am 2. Geburtstag noch keine 50 Wörter und/oder keine Zweiwortsätze sprechen.
Viele Late Talker holen die Sprachentwicklung bis zum dritten Geburtstag auf. Manche Late Talker bleiben auch mit drei Jahren auffällig in ihrer Sprachentwicklung. Bei ihnen kann der späte Sprachbeginn ein erster Hinweis auf eine Sprachentwicklungsstörung sein.
Als Logopädin beobachte ich bei Late Talkern unter anderem, wie das Kind kommuniziert und ob es häufige Wörter und einfache Sätze verstehen kann. Außerdem ist eine Abklärung des Hörens in der HNO-Praxis sinnvoll, um auszuschließen, dass eine Hörminderung hinter der verzögerten Sprachentwicklung steckst.
Wenn du dein Kind gezielt unterstützen möchtest: Hier findest du drei erste Tipps, mit denen du die Sprachentwicklung von zweijährigen Kindern stärken kannst.
Meilensteine mit 2 bis 3 Jahren
Im dritten Lebensjahr verbinden viele Kinder zunehmend mehr Wörter miteinander. Aus „Mama Auto“ wird zum Beispiel „Mama fährt Auto“ oder „Mama fährt weg“.
Ein wichtiger Meilenstein ist die Verbzweitstellung: Mit zwei Jahren setzen viele Kinder das Verb noch ans Satzende: „Mama Auto fahren.“ Bis zum dritten Geburtstag stellen sie die Satzordnung um: „Mama fährt Auto.“
Mit 2 bis 3 Jahren beginnen Kinder außerdem, Mehrzahlformen zu bilden und erste Pronomen wie „ich“ und „du“ zu nutzen.
Das Sprachverständnis entwickelt sich ebenfalls weiter. Kinder verstehen zunehmend längere Äußerungen und einfache Geschichten.
Typische Lautersetzungen, die zum 3. Geburtstag noch sehr häufig sind:
- K wird T („Tuchen“ statt Kuchen)
- G wird D („Dabel“ statt Gabel)
- R wird H oder L („Holler“ statt Roller“)
- SCH wird S („Tasse“ statt Tasche)
- CH wird S („is“ statt ich)

Meilensteine mit 3 bis 4 Jahren
Im Alter von drei bis vier Jahren können Kinder ihre Gedanken und Wünsche zunehmend genauer ausdrücken. Sie verwenden nun unterschiedliche Zeitformen und verbinden Sätze miteinander. Erste Nebensätze treten auf, zum Beispiel:
- „Ich will nicht mitkommen, weil ich lieber mit Emil weiterspielen will.“
- „Wenn wir draußen sind, spiele ich Fußball.“
Dabei passieren ganz typische Fehler, zum Beispiel: „Ich hab Nudels geesst“. Solche Übergeneralisierungen von Regeln (zum Beispiel: „Die Mehrzahl wird mit einem -s am Wortende gebildet.“) zeigen, dass ein Kind sprachliche Regeln entdeckt und ausprobiert.
Auch die Aussprache entwickelt sich weiter: Mit 3 1/2 Jahren können über 90% aller Kinder auch die weiter hinten im Mund gebildeten Laute K, G und R richtig aussprechen.
Folgende Laute werden mit 4 Jahren noch oft ersetzt:
- SCH wird S („Sule“ statt Schule)
- CH-1 wird S („Mils“ statt Milch)

Meilensteine mit 4 bis 5 Jahren
Zwischen vier und fünf Jahren erwerben Kinder auch die schweren Zischlaute SCH und CH.
Nur das Lispeln des S-Lautes ist noch häufig: Über 35% aller fünfjährigen Kinder spricht das S mit der Zunge zwischen oder an den Zähnen.
Hier kannst du nachlesen, welche Ursachen das Lispeln haben kann und ab wann du handeln solltest.
Exkurs: Sprachentwicklung bei mehrsprachigen Kindern
Auch Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, durchlaufen in ihren Sprachen ähnliche Entwicklungsschritte wie einsprachige Kinder. Allerdings entwickeln sich die einzelnen Sprachen nicht unbedingt im gleichen Tempo.
Entscheidend sind unter anderem, wie viel und in welchen Situationen das Kind die jeweilige Sprache hört und verwendet. Dabei kann es vorkommen, dass ein Kind grammatische Strukturen oder Regeln aus einer Sprache auf die andere überträgt. Dieser sprachliche Transfer ist ein natürliches Phänomen beim Aufwachsen mit mehreren Sprachen.
Hier findest du meine Antworten zu den 5 häufigsten Fragen rund um mehrsprachiges Aufwachsen.
Meilensteine mit 5 bis 6 Jahren
Kinder entwickeln schon vor der Schule wichtige sprachliche Fähigkeiten, die ihnen später beim Lesen- und Schreibenlernen helfen. Dazu gehören unter anderem:
- Reime erkennen und bilden
- Wörter in Silben zerlegen, zum Beispiel durch Klatschen
- erkennen, dass Wörter aus einzelnen Lauten bestehen
- den Anfangslaut eines Wortes hören
Diese Fähigkeiten werden häufig unter dem Begriff phonologische Bewusstheit zusammengefasst. Sie entwickeln sich im Vorschulalter weiter und können durch Reime, Lieder, Sprachspiele und Vorlesen gestärkt werden.
Hier findest du 25 Spielideen zur Sprachförderung von Vorschulkindern.

Wann sollte die Sprachentwicklung genauer angeschaut werden?
Es ist sinnvoll, Beobachtungen zur Sprachentwicklung frühzeitig anzusprechen, zum Beispiel wenn ein Kind
- mit zwei Jahren keine Zweiwortsätze spricht
- untypische Aussprachefehler macht, die nicht in der typischen Sprachentwicklung vorkommen
- einen sehr kleinen Wortschatz hat
- nicht altersgemäße Grammatikfehler macht
- mit vier bis fünf Jahren noch regelmässig Laute vertauscht oder weglässt
- oder du dir einfach Sorgen um die Sprachentwicklung machst und Fragen hat.
Du kannst dich zur Beratung zum Beispiel an folgende Stellen wenden:
- Kinderarztpraxen
- Logopädische Praxen
- Frühförderstellen
- Sozialpädiatrische Zentren
- Beratungsstellen von Gesundheitsämtern
Ich weiß, dass es oft nicht einfach ist, geeignete Beratung zu finden, denn viele Praxen und Beratungsstellen haben lange Wartezeiten. Und leider werden zu oft die Sorgen von Eltern nicht ernst genommen („Das verwächst sich noch!“).
Ich kann dir deshalb nur Mut machen, hartnäckig zu bleiben, wenn du dir Sorgen um die Sprachentwicklung deines Kindes machst. Denn jedes Kind hat das Recht auf gesunde Rahmenbedingungen zum Aufwachsen und auf Unterstützung, wenn es diese braucht.
Schreibe mir sehr gerne einen Kommentar, wenn sich beim Lesen Fragen ergeben haben. Ich freue mich, von dir zu hören!

Hallo, hier schreibt Wiebke!
Ich bin Logopädin, Autorin und Mutter von drei Kindern. Hier findest du Infos zur Sprachentwicklung und Tipps, wie du dein Kind beim Sprechenlernen kompetent und spielerisch begleiten kannst.
Viel Spaß beim Lesen! 🤩